2007/12/04

They Call It Stormy Monday...

Ein Tag lang nichts als Regen und selbst der sonst so friedlich gurgelnde Bach durch meinen nahe gelegenen Park verwandelt sich in einen reißenden Strom. Man sagt: „Es regnet Bindfäden“ und irgendwie kann ich nicht anders als mir diese unzähligen, kilometerlangen, feinen Fäden vorzustellen, die unaufhörlich auf die Erde herab gleiten und dort verworren und ineinander verwoben liegen bleiben. Beinahe kann ich die Menschen sehen, wie sie verzweifelt, laut vor sich hin fluchend durch das knöcheltiefe Geflecht waten und alle paar Meter mit den Füßen in den Maschen hängen bleiben... Es ist wohl das Wetter, das Nährboden gibt für derartige „Spinnereien“.

Aber weit weg von meinem persönlichen Stormy Monday gibt es diesen Film... Es ist kein neuer Film, eigentlich ein richtig alter und meine Begegnung mit ihm war reiner Zufall. Ich sah ihn zum ersten Mal im Fernsehen; vielleicht vor einem Jahr, im Nachtprogramm irgendeines Dritten Programms (nebenbei gesagt, die einzige Zeit und der einzige Ort an dem man heutzutage im Fernsehen tatsächlich noch Filme sieht). Ich sah ihn unverhofft und war gefesselt. Selten hatte ich so einen atmosphärischen Film gesehen. Einen Film, der Bildern und Klängen so viel Raum lässt.
Es ist eine düstere Geschichte, eigentlich ein Thriller mit der bekannten Rollenverteilung. Nichts Neues also und doch...
Vielleicht ist es der wundervolle Jazz-Soundtrack und die Ruhe der Bilder die Stormy Monday so besonders macht.
Vielleicht ist es aber auch die Szene, in der Sting allein in einem leeren Jazz-Club steht und ein zweiminütiges Kontrabass-Solo spielt.
Vielleicht ist es die Szene, in der der Zuschauer minutenlang nur Menschen auf Polnisch reden hört ohne je genau zu wissen, was sie sagen.
Oder es ist die Tatsache, dass der Film im groben die Geschichte der heruntergekommenen nordenglischen Stadt Newcastle Upon Tyne erzählt, die sich von der Ankunft eines reichen, amerikanischen Investors einen neuen Aufschwung verspricht. Der in rot-weiß-blau-sternen-besäte Weltretter-Gesten gehüllte Businessman entpuppt sich jedoch für den Zuschauer – wenn auch nicht für die braven Newcastle Bürger – als skrupelloser Mafiosi.
Ist man nicht im Zeitalter des „War Against Terrorism“ mehr als verblüfft über solch erstaunliche Weitsichtigkeit eines Films aus dem Jahre 1988? Ich für meinen Teil bin es.

Achja, und dann gibt es natürlich noch den großartigen Blues-Klassiker von T-Bone Walker... aber davon ein anderes Mal.
They call it stormy monday... but tuesday’s just as bad.

2007/12/01

Tulpen und Rosen

Eigentlich war es Catherines Idee und ich hatte einfach nur die Ehre dabei sein zu dürfen.
Es war eine verrückte Idee: einfach für ein paar Tage nach Holland fahren, um Ryan Adams in Amsterdam zu sehen, um das Crossing Border Festival in Den Haag zu sehen, um überhaupt Holland zu sehen... Aber wie so oft sind die verrücktesten Ideen die Besten.
Und verrückt war es.

Morgens in dem winzigen Zimmer von Berits Holländischen Freund Tijn auszuwachen und auf der anderen Seite der Fensterscheibe die malerischen, mit alten Bäumen und windschiefen, kleinen Häusern gesäumten Straßen zu sehen und die zahllosen müde fließenden Kanäle, die hundertfach von geschwungenen kleinen Brücken überspannt werden. An einem Samstagmittag vorbei an den Regierungsgebäuden in Den Haag zu schlendern und abends bei den Konzerten die prunkvolle Deckenverzierung des „Royal Room“ im Theater zu bewundern. Patti Smith dabei zu zuhören wie sie den Monolog aus Hamlet und Gedichte von Sylvia Plath und Allen Ginsberg rezitiert. Bei der perfekten Videoperformance und der düsteren Atmosphäre der Songs von iLiKETRAiNS zu erschaudern und über die kleinen, zuckersüßen Lieder der verrückt sympathischen Sängerin der französischen Band Soko zu lachen. Sich beim schlechten Sound und die traurig, nebelige Performance von Black Rebel Motorcycle Club zu langweilen. Während dem Konzert von Andrew Bird und seiner wundervollen Geige und hinreißenden Stimme einfach nur dahin zu schmelzen und mit einem Lächeln auf dem Gesicht in den Schlafsack zu sinken.
Montagnachmittags mitsamt all unserem Gepäck in der edlen Vorhalle des Rai Kongresszentrums in Amsterdam aufzutauchen und heimlich dem Soundcheck der Band zu lauschen. Ohne jemals unsere wertvollen Tickets vorgezeigt haben zu müssen in die Konzerthalle zu gehen und sogar zufällig einen leer gebliebenen Platz in der siebten Reihe zu ergattern. Ryan Adams And The Cardinals aus 10 Meter Entfernung bei einer großartigen, wenn auch überraschend kurzen Show zu sehen und beinahe ungläubig über all die lächerlich, verrückten Geschichten zu lachen, die ein selten so gut gelaunter Ryan Adams schelmisch grinsend zum Besten gab. Nach dem Konzert mit all unserem Gepäck in den unzähligen, unheimlich dunklen Hallen des Rai Gebäudekomplexes umherzuirren. Ryan Adams drei Stunden später in den nass glänzenden Straßen der Amsterdamer Innenstadt wieder zu treffen und mit ihm ein paar Sätze zu wechseln! Am nächsten Tag haufenweise Geld in Amsterdamer Plattenläden zu lassen und über diverse Märkte zu streifen. Bei unserem Couchsurfing-Host Erik einen großartigen Abend mit gutem Wein und heißen Diskussionen über Musik zu verbringen und am folgenden Tag noch ein paar der wichtigsten Sehenswürdigkeiten gezeigt zu bekommen. Und schließlich selbst auf dem Weg zurück nach Hamburg im Zug kein einziges Wort Deutsch zu sprechen... Verrückt! Und großartig! Ich würde es immer wieder tun!