Ich weiß, eigentlich habe ich nichts zu sagen. Die matschverkrusteten Boots, der Sonnenbrand und die Halsscherzen sind nichts als müde Parodien eines Lebensstils an dem ich keinen Anteil hatte. Denn ich verbrachte die letzten drei Nächte in der Wärme und Trockenheit meiner eigenen vier Wände.
Ich bin ein Heimschläfer. Einer dieser parasitären Lebensformen, die frisch geduscht und ausgeschlafen durch die Wälder windschiefer Igluzelte stolzieren und seelenruhig die passende Kleidung aus dem Rucksack ziehen während, die umher stehenden Konzertbesucher unter den ersten Regentropfen nur müde ihre kaum bedeckten Schultern hochziehen können.
So einer bin ich. Ob ich mich deswegen schlecht fühle? Nein. Denn wenn man ehrlich ist, hat das Dasein eines Festival-Pendlers auch seine Schattenseiten. Besonders wenn der letzte Zug nach Hamburg abfährt, während irgendwo in der Ferne Eddie Vedder „Jeremy“ singt... seufz. Kindheitserinnerungen... Ja, auch Heimschläfer haben ein Herz.
Jetzt aber zurück zum Festival.
Zurück zu Jet undThe Rakes, zu Mumm-Ra und The Bravery, zu Blood Red Shoes und den Cold War Kids in einem überfüllten, stickigen Zelt, zu Bloc Party in Mitten den springenden und tanzenden Massen, zurück zu The Blood Arm an einem sonnigen Sonntagvormittag, zu The Films in bester Partylaune, zu Kings of Leon und Sonic Youth in der dritten Reihe. Zurück zu Placebo während Brian Molko in fünf Metern Entfernung zu singen beginnt: „Sucker love is heaven sent. You pucker up, our passion’s spent.“ Und 20,000 Menschen hinter dir haben die gleichen Worte auf den Lippen. Gänsehaut.
2007/06/25
2007/06/19
Dorffete
In der Nähe von Osnabrück gibt es einen Ort namens Bramsche. Bei Bramsche gibt es ein Dorf namens Achmer. Achmer hat zwei große Straßen und ein Heimathaus. Ein Heimathaus ist ein kleines, hübsches, weißes Fachwerkhaus mit rustikaler Inneneinrichtung, das man als Achmerner für seinen dreißigsten Geburtstag mieten kann. Mein ehemaliger Mitbewohner Sebastian ist seit einem Jahr ein Achmerner und seit zwei Wochen ist er auch dreißig. Also feierte er am vergangenen Samstag seinen dreißigsten Geburtstag im Heimathaus in Achmer, bei Bramsche, in der Nähe von Osnabrück. Und wir fuhren hin. Zu fünft in einem Golf Kombi.
Vielleicht wohnen wir schon zu lange in Hamburg. Wir haben uns schon zu sehr an eine andere Definition von Party gewöhnt: An viel zu kleine, dunkle Räume. An verschlissene Sofagarnituren und geschmacklose Siebzigerjahre Tapeten. An billiges Astra aus der Flasche. An lauten dreckigen Indie-Rock. An langhaarige Menschen in verwaschenen T-Shirts und ausgefranzten Jeans.
Es war ein Schock.
Ein Kultur-Schock möchte man sagen.
Da saßen wir also, auf unseren Biedermeier-Stühlen an einer langen Eichentafel mit der hübschen Blümchendecke, während um uns herum Menschen in Poloshirts und gegelten Haaren zu einem Pur-Medley Diskofox tanzten.
Was nun? Was tun? Wir dachten an Molotowcocktails. Wir dachten an Rennen. Einfach aus dem nächstgelegenen Fenster hechten und davon rennen bis die Stimme von Hartmut Engler in der Ferne verhallt.
Aber wir taten es nicht.
Wir blieben.
Wir saßen da, an unserem Tisch, aßen Salzstangen, tranken Bier und hofften unsere Teelicht-Rauchzeichen würden irgendwo von irgendeinem Menschen weit entfernt, als Hilferuf erkannt. Gegen zwei schlichen wir uns davon. Verschwanden in der ländlichen Dunkelheit irgendwo in Niedersachsen, bei Osnabrück, in der Nähe von Bramsche.
2007/06/17
Jazz’n’Politics
Ein Israeli, der sagt, der israelische Staat gehört abgeschafft?
Ein Israeli, der einen Palästinenser in seine Band holt?
Ein Israeli, der mit politischem Jazz durch die ganze Welt tourt?
Sein Name ist Gilad Atzmon. Er ist Saxophonist und Flötist. Geboren wurde er 1963 in Israel. Heute lebt er in London. Zurück nach Israel wäre auch keine Option. Sie würden ihn nicht mehr rein lassen. Schließlich ist er Anti-Semit. Soweit man das überhaupt sein kann, wenn man Jude ist... Das politisch korrektere Wort ist wohl Anti-Zionist. Apropos Politik: Er muss es ganz offen zugeben: Der israelischer Außenminister – mit etwas Glück der angehende neue Staatspräsident ist ein Cousin von ihm. Er lacht. So etwas nennt man wohl Ironie des Schicksals.
Gilad Atzmons Band heißt The Orient House Ensemble. Dass das ehemalige PLO Hauptquartier in Jerusalem auch Orient House hieß ist kein Zufall. Es ist auch kein Zufall, dass neben zwei Engländern und zwei weiteren Exil-Israelis auch ein Palästinenser in der Band ist. Er singt. Auf Arabisch natürlich.
Was dabei heraus kommt, ist großartiger Jazz, durchzogen von orientalischen Klängen. Eine überraschend kohärente Mischung, mit Geige, Akkordeon, Gesang, Sax, Klavier, Bass und Drums. Die wahre Musik des Nahen Ostens. Bunt. Vielfältig. Amerikanisch. Orientalisch. Politisch. Kontrovers.
Ein Israeli, der einen Palästinenser in seine Band holt?
Ein Israeli, der mit politischem Jazz durch die ganze Welt tourt?
Sein Name ist Gilad Atzmon. Er ist Saxophonist und Flötist. Geboren wurde er 1963 in Israel. Heute lebt er in London. Zurück nach Israel wäre auch keine Option. Sie würden ihn nicht mehr rein lassen. Schließlich ist er Anti-Semit. Soweit man das überhaupt sein kann, wenn man Jude ist... Das politisch korrektere Wort ist wohl Anti-Zionist. Apropos Politik: Er muss es ganz offen zugeben: Der israelischer Außenminister – mit etwas Glück der angehende neue Staatspräsident ist ein Cousin von ihm. Er lacht. So etwas nennt man wohl Ironie des Schicksals.Gilad Atzmons Band heißt The Orient House Ensemble. Dass das ehemalige PLO Hauptquartier in Jerusalem auch Orient House hieß ist kein Zufall. Es ist auch kein Zufall, dass neben zwei Engländern und zwei weiteren Exil-Israelis auch ein Palästinenser in der Band ist. Er singt. Auf Arabisch natürlich.
Was dabei heraus kommt, ist großartiger Jazz, durchzogen von orientalischen Klängen. Eine überraschend kohärente Mischung, mit Geige, Akkordeon, Gesang, Sax, Klavier, Bass und Drums. Die wahre Musik des Nahen Ostens. Bunt. Vielfältig. Amerikanisch. Orientalisch. Politisch. Kontrovers.
2007/06/08
Radio.Blog
Dem aufmerksamen Leser müsste seit einigen Tagen eine gewisse Veränderung in meinem Blog aufgefallen sein. Tja, der Titel weist auch schon drauf hin: Das hübsche, neue Feature: Radio.Blog!
Ich nutze auch gleich aus gegebenem Anlass die Gelegenheit eine kleine "The Smiths" Schwärmerei vom Stapel zu lassen. Wieder eine dieser Bands die in jede gut sortierte Plattensammlung gehört. Auch wenn man kein bekennender Morrissey-Fan ist... Wunderbar. Großartig. Und so unglaublich 80er... Seltsamer Weise genau die Musik für schwüle Frühlingstage...
Ich nutze auch gleich aus gegebenem Anlass die Gelegenheit eine kleine "The Smiths" Schwärmerei vom Stapel zu lassen. Wieder eine dieser Bands die in jede gut sortierte Plattensammlung gehört. Auch wenn man kein bekennender Morrissey-Fan ist... Wunderbar. Großartig. Und so unglaublich 80er... Seltsamer Weise genau die Musik für schwüle Frühlingstage...
Der Jazz-Rebel
Seine gepflegten Pianistenhände sind alt geworden, seine Haare spärlich und weiß. Doch aus deinen Augen funkelt genau die gleiche Begeisterung, der gleiche eiserne Wille wie früher.
„Wenn ich will kann ich ein Großmaul sein.“
In diesem Jahr wird Michael Naura, der Jazz-Papst von Hamburg, 73 Jahre alt. – Jazz-Papst? Urgestein des Jazz? Oder doch eher Stein des Anstoßes?
„Das Dritte gefällt mir am Besten!“
Er versteht sich als Revolutionär.
„Kaum hatte Hitler verspielt, schon war ich in der Berlin der verrückte Narr. Und ich hab auch was bewirkt. Einige fast völlig eingeschlafene Rundfunkzausel, die wachten auf!“
Der Jazz war die Botschaft, die er in den Fünfzigern und Sechzigern mit seinem Quintett in ganz Deutschland verbreitete. Schließlich kam er nach Hamburg. Von 1971 bis 1999 war er beim NDR Chefredakteur der Jazzredaktion, die es ohne ihn niemals in dieser Form gegeben hätte.
„Einer der ganz großen Leute, Henri Regnier [...] sagte zu mir: ‚Micky! Kommen Sie zu uns! [...] Machen Sie mir eine Jazzabteilung.’ Und so geschah es! Mit allem Drum und Dran. Mit einem tollen Etat. Mit Reisen nach Japan und überall hin..“
Sicher keine leichte Arbeit. Besonders nicht für jemanden wie ihn. Einen Künstler, Jazzpianisten, Schriftsteller, inmitten der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt. Ein Kampf gegen Windmühlen? Keineswegs!
„Ich habe immer die politische Nummer gespielt. Ich habe gesagt: Ihr wisst was die Nazis mit dem Jazz gemacht haben. Das kommt nicht noch mal in Frage. So hab ich leicht spielerisch gedroht und sie waren schließlich froh dass ich erstmal in Japan war und dann nicht so nervig war.“
Er hat sich jahrzehntelang für den Jazz eingesetzt. Viel geändert hat sich in der deutschen Radiolandschaft in all den Jahren aber nicht. Heute spielt der NDR nur auf einem Sender und nur von 22 bis 23 Uhr Jazz. Aus dem Fernsehen wurde er ganz verbannt.
„Da wird der Jazz zum Juden erklärt. Und das finde ich scheiße! Ich habe ein Ausgeprägtes politischen Bewusstsein. Und [...] gerade bei den Entscheidungsträgern... was sind das denn für Knaben? [...] diese Oberignoranten, die wissen gar nicht, wie komplex und vielfältig Jazz ist. Von Coleman Hawkins bis hin zu Free Jazz Exzessen. Es ist so viel möglich. Ich mute denen ja nicht Exzesse des Free Jazz zu, aber so Ben Webster und Ella Fitzgerald und Billie Holiday... ich bitte Sie, das ist mit das Beste, was die letzte Zeit hervor gebracht hat. Aber, man kann nichts machen. [...] diese Politik-Hornochsen. Die sind sowieso amusisch.“
Er lacht. Aber er meint es so. Politisch war Michael Naura schon immer. Ein gefürchteter Unruhestifter. Das merkt man noch heute. Und an Aufgeben ist nicht zu denken. Schließlich gibt es doch noch Hoffnung am Horizont.
„Jetzt wo junge, begabte Redakteure ans Ruder kommen. Und die alten Knacker in die Särge rumpeln, dann ist es okay.“
Sein sympathisches, versöhnendes Lächeln.
Er sitzt entspannt in einem Korbstuhl im Wohnzimmer seiner Eppendorfer Wohnung. Das Zimmer ist angefüllt mit den unterschiedlichsten Gegenständen. bunte Gemälde, afrikanische Figuren, Vasen, Bücher. Es duftet angenehm, irgendwie exotisch. Er erwähnt seine Reisen nach Afrika.
„Waren sie mal in Afrika? Das würde ich ihnen empfehlen. [...] Als ich noch ein junger Schnösel war, da war es mein bevorzugtes außereuropäisches Urlaubsgebiet.“
Man traut sich kaum die kostbaren Kelche, in denen das Mineralwasser serviert wird, anzufassen. Dabei ist die Wohnung nur sein Zweitwohnsitz. Eigentlich wohnt er auf dem Land.
„Wir haben ja einen Bauernhof in Nordfriesland. Das ist so eine Landschaft wie sie Theodor Storm beschrieben hat. Haargenau. Und die Landschaft dort oben [...] hat mich vom städtischen Quasseln weg gebracht. [...]. ich habe in Nordfriesland sozusagen das Schweigen gelernt. Und zwar so zu schweigen, dass es einem nicht peinlich ist. Also nicht aus Faulheit das Maul nicht aufmacht, sondern aus Überzeugung. Einfach mal schweigen. Halte ich für wichtig.“
Stille spielte auch an anderer Stelle eine wichtige Rolle in Nauras Leben. Sie brachte die Wende von seinem Leben als einer der erfolgreichsten deutschen Jazzmusiker zu seiner Zeit in Hamburg beim NDR.
„Die Zeit als wir täglich, bzw. nächtlich, von zwanzig Uhr bis fünf Uhr morgens spielten, [...] das ging ohne irgendwelche stimulierenden Mittel überhaupt nicht. Wir haben nicht gekokst und schon gar nicht Heroin gespritzt. Wir haben eben getrunken. Aber die Quittung kam.“ Polyserositis.
„Ich war ein Jahr im Krankenhaus. War auch eine interessante Lehre. Nach dem Jazz und diesem ganzen Getöse dann die unwirkliche Stille des Krankenhauses.“
Damals gaben seine Freunde ein Benefiz-Konzert um die Behandlungskosten aufzutreiben.
Die Zeit als Musiker hat ihn natürlich stark geprägt. Schon früh gab es für ihn nichts anderes außer Jazz.
„Ich habe schon als junger Bursche, in Berlin AFN gehört. American Forces Network. Ein Soldatensender. Und der hat mir ja den Virus Jazz überhaupt verpasst. [...] Und als ich sah was sie da alles treiben; und im Hintergrund hämmerte immer Benny Goodman, da sagte ich mir: Das ist es!“
Es war ein radikaler Lebensstil. Die vielen Reisen. Vor und zurück durch die ganze Republik. Eine verrückte Zeit voller irrer Geschichten und er erzählt sie wunderbar. Märchenonkel und Satiriker in einem.
„Wir spielen und spielen. Irgendwann nach zwölf geht die Tür auf und es kommt ein schlanker, relativ junger Mann rein – schlank, ich würde sagen, dürr. Machte einen gehetzten Eindruck. Er geht sofort an die Bar und bestellt dort gleich Sekt und schickt uns einen Drink nach dem anderen. Und wir dachten, „Boah, was ist denn das für ein Typ?!“ Am nächsten Abend war er wieder da. Und dann wieder. Und dann war er plötzlich weg. Dann mussten wir nach Hamburg wechseln, wir spielten, die Tür ging auf und wer kommt rein? Unser spendabler Freund! Und so ging es wieder Nacht für Nacht. Dann aber, blieb er wieder weg. Eines Tages schlage ich die Bild-Zeitung auf. Und was sehe ich? Ein ganz großes Foto von unserem spendablen Freund. Und da steht: ‚Internationaler Hoteldieb gefasst!’ Das war so irre! Ich habe mich überhaupt gar nicht eingekriegt. Daher hatte der Typ so viel Geld! Das war ganz verrückt. Er machte überhaupt keinen kriminellen Eindruck. Er war in erster Linie gehetzt. Wie so ein gehetztes Tier. Ganz eingefallenes Gesicht. Aber teure Anzüge. Auch ein Weiberheld. Alles stimmte bei ihm, nur die Moral vielleicht nicht ganz...“
Er grinst.
Michael Naura ist ein Kämpfer für den Jazz. Er kämpfte jahrzehntelang, an der Klaviatur, später mit Tinte und Papier, Radiobeiträgen und Hörspielen. Doch besonders die Mischung von Jazz und Lyrik hat es ihm angetan.
„Die Literatur mit Jazz koppeln: Das war immer mein Ding!“
So sehr, dass er auf seine alten Tage selbst mit dem Lyrik schreiben begonnen hat.
„Das hat damit zutun, dass Dieter Rühmkopf in mir irgendwie so einen Virus versteckt hat. Den Gedichtvirus.“
Eins ist klar, ein Freidenker, Rebel wie er, geht niemals in Rente.
Bei der Frage wovon er heute träumt muss er das erste Mal länger nachdenken.
„Also, ich träume in erster Linie, dass ich bei Kräften bleibe, und dass mein Geist sich nicht verdunkelt, dass mein Freund Rühmkopf der schwer erkrankt ist, überlebt, und – sagen wir mal so – dass die Sender nicht in die Hände von reaktionären Schwachköpfen fallen!“
Der ewige Stein des Anstoßes eben.
---
PS: Ich geb es zu, ich habe den Text natürlich nicht für meinen Blog schrieben. Aber nachdem das Portrait (und vor allem die Transkription des Interviews) so schrecklich viel Arbeit war lasse ich mich an dieser Stelle zu einer Zweitverwertung verführen.
„Wenn ich will kann ich ein Großmaul sein.“
In diesem Jahr wird Michael Naura, der Jazz-Papst von Hamburg, 73 Jahre alt. – Jazz-Papst? Urgestein des Jazz? Oder doch eher Stein des Anstoßes?
„Das Dritte gefällt mir am Besten!“
Er versteht sich als Revolutionär.
„Kaum hatte Hitler verspielt, schon war ich in der Berlin der verrückte Narr. Und ich hab auch was bewirkt. Einige fast völlig eingeschlafene Rundfunkzausel, die wachten auf!“
Der Jazz war die Botschaft, die er in den Fünfzigern und Sechzigern mit seinem Quintett in ganz Deutschland verbreitete. Schließlich kam er nach Hamburg. Von 1971 bis 1999 war er beim NDR Chefredakteur der Jazzredaktion, die es ohne ihn niemals in dieser Form gegeben hätte.
„Einer der ganz großen Leute, Henri Regnier [...] sagte zu mir: ‚Micky! Kommen Sie zu uns! [...] Machen Sie mir eine Jazzabteilung.’ Und so geschah es! Mit allem Drum und Dran. Mit einem tollen Etat. Mit Reisen nach Japan und überall hin..“
Sicher keine leichte Arbeit. Besonders nicht für jemanden wie ihn. Einen Künstler, Jazzpianisten, Schriftsteller, inmitten der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt. Ein Kampf gegen Windmühlen? Keineswegs!
„Ich habe immer die politische Nummer gespielt. Ich habe gesagt: Ihr wisst was die Nazis mit dem Jazz gemacht haben. Das kommt nicht noch mal in Frage. So hab ich leicht spielerisch gedroht und sie waren schließlich froh dass ich erstmal in Japan war und dann nicht so nervig war.“
Er hat sich jahrzehntelang für den Jazz eingesetzt. Viel geändert hat sich in der deutschen Radiolandschaft in all den Jahren aber nicht. Heute spielt der NDR nur auf einem Sender und nur von 22 bis 23 Uhr Jazz. Aus dem Fernsehen wurde er ganz verbannt.
„Da wird der Jazz zum Juden erklärt. Und das finde ich scheiße! Ich habe ein Ausgeprägtes politischen Bewusstsein. Und [...] gerade bei den Entscheidungsträgern... was sind das denn für Knaben? [...] diese Oberignoranten, die wissen gar nicht, wie komplex und vielfältig Jazz ist. Von Coleman Hawkins bis hin zu Free Jazz Exzessen. Es ist so viel möglich. Ich mute denen ja nicht Exzesse des Free Jazz zu, aber so Ben Webster und Ella Fitzgerald und Billie Holiday... ich bitte Sie, das ist mit das Beste, was die letzte Zeit hervor gebracht hat. Aber, man kann nichts machen. [...] diese Politik-Hornochsen. Die sind sowieso amusisch.“
Er lacht. Aber er meint es so. Politisch war Michael Naura schon immer. Ein gefürchteter Unruhestifter. Das merkt man noch heute. Und an Aufgeben ist nicht zu denken. Schließlich gibt es doch noch Hoffnung am Horizont.
„Jetzt wo junge, begabte Redakteure ans Ruder kommen. Und die alten Knacker in die Särge rumpeln, dann ist es okay.“
Sein sympathisches, versöhnendes Lächeln.
Er sitzt entspannt in einem Korbstuhl im Wohnzimmer seiner Eppendorfer Wohnung. Das Zimmer ist angefüllt mit den unterschiedlichsten Gegenständen. bunte Gemälde, afrikanische Figuren, Vasen, Bücher. Es duftet angenehm, irgendwie exotisch. Er erwähnt seine Reisen nach Afrika.
„Waren sie mal in Afrika? Das würde ich ihnen empfehlen. [...] Als ich noch ein junger Schnösel war, da war es mein bevorzugtes außereuropäisches Urlaubsgebiet.“
Man traut sich kaum die kostbaren Kelche, in denen das Mineralwasser serviert wird, anzufassen. Dabei ist die Wohnung nur sein Zweitwohnsitz. Eigentlich wohnt er auf dem Land.
„Wir haben ja einen Bauernhof in Nordfriesland. Das ist so eine Landschaft wie sie Theodor Storm beschrieben hat. Haargenau. Und die Landschaft dort oben [...] hat mich vom städtischen Quasseln weg gebracht. [...]. ich habe in Nordfriesland sozusagen das Schweigen gelernt. Und zwar so zu schweigen, dass es einem nicht peinlich ist. Also nicht aus Faulheit das Maul nicht aufmacht, sondern aus Überzeugung. Einfach mal schweigen. Halte ich für wichtig.“
Stille spielte auch an anderer Stelle eine wichtige Rolle in Nauras Leben. Sie brachte die Wende von seinem Leben als einer der erfolgreichsten deutschen Jazzmusiker zu seiner Zeit in Hamburg beim NDR.
„Die Zeit als wir täglich, bzw. nächtlich, von zwanzig Uhr bis fünf Uhr morgens spielten, [...] das ging ohne irgendwelche stimulierenden Mittel überhaupt nicht. Wir haben nicht gekokst und schon gar nicht Heroin gespritzt. Wir haben eben getrunken. Aber die Quittung kam.“ Polyserositis.
„Ich war ein Jahr im Krankenhaus. War auch eine interessante Lehre. Nach dem Jazz und diesem ganzen Getöse dann die unwirkliche Stille des Krankenhauses.“
Damals gaben seine Freunde ein Benefiz-Konzert um die Behandlungskosten aufzutreiben.
Die Zeit als Musiker hat ihn natürlich stark geprägt. Schon früh gab es für ihn nichts anderes außer Jazz.
„Ich habe schon als junger Bursche, in Berlin AFN gehört. American Forces Network. Ein Soldatensender. Und der hat mir ja den Virus Jazz überhaupt verpasst. [...] Und als ich sah was sie da alles treiben; und im Hintergrund hämmerte immer Benny Goodman, da sagte ich mir: Das ist es!“
Es war ein radikaler Lebensstil. Die vielen Reisen. Vor und zurück durch die ganze Republik. Eine verrückte Zeit voller irrer Geschichten und er erzählt sie wunderbar. Märchenonkel und Satiriker in einem.
„Wir spielen und spielen. Irgendwann nach zwölf geht die Tür auf und es kommt ein schlanker, relativ junger Mann rein – schlank, ich würde sagen, dürr. Machte einen gehetzten Eindruck. Er geht sofort an die Bar und bestellt dort gleich Sekt und schickt uns einen Drink nach dem anderen. Und wir dachten, „Boah, was ist denn das für ein Typ?!“ Am nächsten Abend war er wieder da. Und dann wieder. Und dann war er plötzlich weg. Dann mussten wir nach Hamburg wechseln, wir spielten, die Tür ging auf und wer kommt rein? Unser spendabler Freund! Und so ging es wieder Nacht für Nacht. Dann aber, blieb er wieder weg. Eines Tages schlage ich die Bild-Zeitung auf. Und was sehe ich? Ein ganz großes Foto von unserem spendablen Freund. Und da steht: ‚Internationaler Hoteldieb gefasst!’ Das war so irre! Ich habe mich überhaupt gar nicht eingekriegt. Daher hatte der Typ so viel Geld! Das war ganz verrückt. Er machte überhaupt keinen kriminellen Eindruck. Er war in erster Linie gehetzt. Wie so ein gehetztes Tier. Ganz eingefallenes Gesicht. Aber teure Anzüge. Auch ein Weiberheld. Alles stimmte bei ihm, nur die Moral vielleicht nicht ganz...“
Er grinst.
Michael Naura ist ein Kämpfer für den Jazz. Er kämpfte jahrzehntelang, an der Klaviatur, später mit Tinte und Papier, Radiobeiträgen und Hörspielen. Doch besonders die Mischung von Jazz und Lyrik hat es ihm angetan.
„Die Literatur mit Jazz koppeln: Das war immer mein Ding!“
So sehr, dass er auf seine alten Tage selbst mit dem Lyrik schreiben begonnen hat.
„Das hat damit zutun, dass Dieter Rühmkopf in mir irgendwie so einen Virus versteckt hat. Den Gedichtvirus.“
Eins ist klar, ein Freidenker, Rebel wie er, geht niemals in Rente.
Bei der Frage wovon er heute träumt muss er das erste Mal länger nachdenken.
„Also, ich träume in erster Linie, dass ich bei Kräften bleibe, und dass mein Geist sich nicht verdunkelt, dass mein Freund Rühmkopf der schwer erkrankt ist, überlebt, und – sagen wir mal so – dass die Sender nicht in die Hände von reaktionären Schwachköpfen fallen!“
Der ewige Stein des Anstoßes eben.
---
PS: Ich geb es zu, ich habe den Text natürlich nicht für meinen Blog schrieben. Aber nachdem das Portrait (und vor allem die Transkription des Interviews) so schrecklich viel Arbeit war lasse ich mich an dieser Stelle zu einer Zweitverwertung verführen.
2007/06/01
Eine Nacht mit Boris Yeltsin
Ich weiß, nach meinem letzt jährigen St. Petersburg Urlaub würdest du mir im Zusammenhang mit Russland alles zutrauen – auch eine nächtliche, spiritistische Sitzung zur Beschwörung des Geistes des ersten Präsidenten der Russischen Föderation... Aber keine Angst, so weit ist es dann doch nicht mit mir gekommen. Denn entgegen aller Vermutungen dreht es sich um eine Band aus dem verschlafenen Springfield, Missouri. Präziser: es geht um Someone Still Loves You Boris Yeltsin.
Das sind vier sympathische Guys, die damals in der Highschool eine Band mit einem lächerlichen Namen gegründet haben und heute mit ihrem ersten Album durch die Welt touren. Und zufälliger Weise spielten sie am 30. Mai im Molotow. Und zufälliger Weise gingen wir hin weil der 31. Catherines Geburtstag ist und jeder gute Geburtstag sollte mit einem Konzert beginnen.
Die Band kam im Endeffekt eine Stunde nach uns im Molotow an. Nach unglaublichen siebzehn Stunden Fahrt von Nürnberg nach Hamburg (don’t ask me...) stolperten sie vom Tourbus direkt auf die Bühne und spielten begeisternde zwei Stunden rockigen Pop aus Amerika. Beautiful. Da das aktuelle Album nur auf traurige neunundzwanzig Minuten Spielzeit kommt gab es einige überraschende Extras. Dabei war ein Cover von einem HipHop Klassiker (forgot the name... sorry) genauso wie „I Wanna Hold Your Hand“ von den Beatles; und als die Snare während des Konzerts riss wurde dann noch eine sehr spontane Akustikversion von „Smells like teen spirit“ und einem irischen Trinklied zum Besten gegeben. Very down-to-earth, very sweet.
Dann war es Mitternacht. Catherines Geburtstag. Die Jungs neben uns erklärten stolz sie kennen den Drummer der Band. Der Drummer schmeißt großzügig eine Runde Bier. „Do you know the place where the Beatles played?“ Sure. Große Freiheit. Indra. Erinnerungsfotos von Gedenktafeln. Ein Abstecher zur Herbertstraße. Dann Mutter, denn wie ich gelernt habe, geht jeder, der etwas auf sich hält zur Aftershowparty ins Mutter. Eigentlich klingt Aftershowparty zu glamorous. Glamour kommt aus New York oder L.A. nicht aus Springfield, Missouri. Einfach nur ein netter Abend mit netten Typen in einem Raum mit Blümchentapete. Gegen vier standen wir vor dem Hotel, das eigentlich kein Hotel sondern vielmehr irgendein Wohnhaus mit einem Gästeappartment war. So ist das also.
Ich ging bei Sonnenaufgang durch das erwachende Hamburg zum Bus, müde von einer Nacht mit Boris Yeltsin.
Das sind vier sympathische Guys, die damals in der Highschool eine Band mit einem lächerlichen Namen gegründet haben und heute mit ihrem ersten Album durch die Welt touren. Und zufälliger Weise spielten sie am 30. Mai im Molotow. Und zufälliger Weise gingen wir hin weil der 31. Catherines Geburtstag ist und jeder gute Geburtstag sollte mit einem Konzert beginnen.
Die Band kam im Endeffekt eine Stunde nach uns im Molotow an. Nach unglaublichen siebzehn Stunden Fahrt von Nürnberg nach Hamburg (don’t ask me...) stolperten sie vom Tourbus direkt auf die Bühne und spielten begeisternde zwei Stunden rockigen Pop aus Amerika. Beautiful. Da das aktuelle Album nur auf traurige neunundzwanzig Minuten Spielzeit kommt gab es einige überraschende Extras. Dabei war ein Cover von einem HipHop Klassiker (forgot the name... sorry) genauso wie „I Wanna Hold Your Hand“ von den Beatles; und als die Snare während des Konzerts riss wurde dann noch eine sehr spontane Akustikversion von „Smells like teen spirit“ und einem irischen Trinklied zum Besten gegeben. Very down-to-earth, very sweet.
Dann war es Mitternacht. Catherines Geburtstag. Die Jungs neben uns erklärten stolz sie kennen den Drummer der Band. Der Drummer schmeißt großzügig eine Runde Bier. „Do you know the place where the Beatles played?“ Sure. Große Freiheit. Indra. Erinnerungsfotos von Gedenktafeln. Ein Abstecher zur Herbertstraße. Dann Mutter, denn wie ich gelernt habe, geht jeder, der etwas auf sich hält zur Aftershowparty ins Mutter. Eigentlich klingt Aftershowparty zu glamorous. Glamour kommt aus New York oder L.A. nicht aus Springfield, Missouri. Einfach nur ein netter Abend mit netten Typen in einem Raum mit Blümchentapete. Gegen vier standen wir vor dem Hotel, das eigentlich kein Hotel sondern vielmehr irgendein Wohnhaus mit einem Gästeappartment war. So ist das also.
Ich ging bei Sonnenaufgang durch das erwachende Hamburg zum Bus, müde von einer Nacht mit Boris Yeltsin.
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