Wunderschön, farbenfroh und leider vom Aussterben bedroht. Diese Beschreibung passt genauso gut zu der großartigen Musik auf „Roots & Echoes“ wie zu geheimnisvollen, tropischen Unterseewelten. Welch ein Zufall, dass die Band The Coral heißt!
Schlichtweg das bunte-Blätter-Herbst-Album dieses Jahres!
2007/08/30
Der Kaiser und sein Hofnarr
Man muss es zugeben, es hatte ein bisschen was von einer königlichen Audienz. In einer geordneten, schier endlosen Schlange warteten die Leute vor den beiden Eingängen der Stadtpark-Bühne. Geduldig und zivilisiert. Schade nur, dass es niemand für nötig befunden hatte eine Stunde vor offiziellem Konzertbeginn jene Tore auch zu öffnen. Man witzelte schon über eine Privatparty in kleinem Kreis als plötzlich fünf junge Männer mit einem Fußball unter dem Arm über das Grün marschiert kamen und zielsicher an der langen Schlange vorbei und auf den unweit gelegenen Hockeyplatz spazierten.„Sach mal, waren das nicht die Kaiser Chiefs...?“
„Japp. Das waren sie.“
Eine weitere halbe Stunde später ließ man schließlich die Tore öffnen und uns hinein. Nicht ganz viertausend waren gekommen die Häuptlinge des fröhlich, mitsing-fordernden Indie-Pop zu feiern. Doch eine weitere unerfreuliche Förmlichkeit war noch zu erdulden: The Crips.
Es war unglaublich. Man hätte sie ausgelacht, hätte man seinen Humor nicht schon draußen in der langen Schlange irgendwo verloren. Eine halbstündige Indie-Farce, die in einer peinlichen möchte-gern Rock’n’Roll Pose und aufgesetzter Feedback Eskapaden gipfelte. Doch man muss dem Hofnarr verzeihen. Er steht in der Gunst des Kaisers.
Als sie endlich auf die Bühne kamen, eingehüllt in Kunstnebelschwaden und von buntem Scheinwerferlicht umspielt, im Rücken den überdimensionalen „Kaiser Chiefs“-Schriftzug, war ich einen Augenblick baff. Ich war mal wieder überrascht davon wie groß mein geliebter Indie doch geworden ist. Es klingt beinahe mütterlich. Es klingt intim. Und genau das ist wohl in solchen Augenblicken das Problem. Indie wohnt für mich in meiner Stereoanlage während ich mit Freunden ein Bier trinke. Er wohnt in meinem ipod während ich im Bus zur Uni fahre. Er wohnt in irgendeinem dunklen, kleinen Club während ich mich auf der Tanzfläche auspowere. Aber auf einer Bühne mit Kunstnebel und Arena-Rock-Lichtshow?
Vielleicht lag es daran, dass dieses Konzert im Stadtpark tatsächlich das erste war bei dem mir die Lichtshow so auffiel, weil es diesmal dunkel würde. Auf jeden Fall ließ mich das Gefühl nicht los, dass die Band, Ricky (den Sänger) ausgenommen, irgendwie in den Nebelschwaden verschwand. Es war ein großartiges Konzert. Gänsehaut-Atmosphäre, wenn viertausend „Oh My God“ singen inklusive. Es ging auch nicht um Show. Ricky schwang sich hier einmal im Tazan-Stil an einer Leiter über die Bühne, kletterte da einmal die Bühnenpfeiler hinauf und besorgte sich schließlich spontan zwischen zwei Songs sein Bier beim nächstgelegenen Getränkestand. Das alles hatte nichts damit zu tun.
Es war nur das Gefühl, dass die Jungs, die nach dem Konzert im strömenden Regen noch einmal eine Runde Fußball gegen ein paar St. Pauli-Spieler kickten und die ein paar Stunden zuvor noch so selbstverständlich an ihren Fanmassen vorbei zum Fußballspielen gegangen waren, irgendwie nicht viel gemein haben mit einer Band, die bei „Deutschland’s Popradio Nummer Eins“ auf Hot Rotation läuft. Ob die Mainstreamisierung dem Indie den Dolchstoß gibt? I don’t know. I hope not...
2007/08/22
Der Sprung über die Elbe

Es ist in aller Munde in Hamburg. Besonders natürlich in den Mündern der Politiker. Die haben sich diese wohlklingenden Worte ja auch ausgedacht: „Der Sprung über die Elbe“. Was ein bisschen nach einer Sportveranstaltung klingt steht eigentlich für nix als Wachstum und Expansion. Städtebaulich, versteht sich. Wer die dieswöchige Ausgabe des Spiegels gelesen hat weiß worum es geht. Der Hamburger Senat hat große Pläne für die Stadt. Alles soll größer, schöner, besser, toller werden. Dagegen hat wohl niemand was. Ich auch nicht. Vor allem nicht, wenn es ausnahmsweise nicht für die Leute an der Alster oder in der HafenCity schöner werden soll, sondern für die Leute in Wilhelmsburg und Veddel. Das sind nämlich die beiden S-Bahnhaltestellen auf dem Weg in den Süden bei denen Aus- oder Einsteigen ein Bekenntnis zum Verliererdasein ist. Wer hier wohnt ist meist arbeitslos oder hat – wie man so schön politisch korrekt sagt – einen Migrationshintergrund (was ja eigentlich nichts Schlechtes ist. Nur scheint es in Deutschland so zu sein, dass mit der Aufenthaltsgenehmigung auch gleich eine Benachteiligungsgarantie ausgestellt wird).
Der Senat will also Wilhelmsburg helfen. Oder besser, will etwas aus Wilhelmsburg machen. Lebensraum für mehr gut ausgebildete, junge Fachkräfte zum Beispiel. Damit die sich aber wohl fühlen in Wilhelmsburg muss erstmal einiges passieren. Es muss hübscher werden. Trendier, um genau zu sein. Denn was wünscht man sich als wohl situierter Yuppie? Bars und Coffeeshops, ein Fitnesscenter, dass 24 Stunden am Tag geöffnet hat, coole Boutiquen und Bioläden. Von alledem gibt es in Wilhelmsburg bis jetzt noch nichts. Die ein oder andere Eckkneipe vielleicht, und natürlich den türkischen Kulturverein... aber wer hat schon mal einen Typ mit stylischem Haarschnitt, Hornbrille und knallgrüner Postbag mit einem Teegläschen über eine Partie Backgammon gebeugt gesehen?
Es brauch also erstmal ein paar Pioniere, die in die „Docks“ ziehen und die Coffeeshops und Bioläden eröffnen. Und da niemand so schnell auf die Idee kommt heutzutage gerade nach Wilhelmsburg zu ziehen hat sich der Senat eine hübsche Werbekampagne zurechtgelegt um den Stadtteil in das Bewusstsein der Hamburger zu rücken. Dazu gehört die IBA. Die Internationale Bauausstellung die dort 2012 stattfinden soll. Und es gehört ein aufregendes, vielseitiges Sommerprogramm dazu, dass Leute nach Wilhelmsburg bringen soll – wenn auch nur für einen Tag.
Damit wären wir also bei meinem persönlichen „Sprung über die Elbe“ am vergangenen Wochenende: Das Dockville-Festival. Auf dem Programm standen zwei Tage Bands und Kunst.
Und es war überraschend anders. Beinahe wie ein Tag am Meer. Ein Dünen-Gelände mit kleinen niedrigen Wäldchen, an einem See, mitten in Hamburg, keine 15 Minuten vom Hauptbahnhof entfernt. Am Horizont ragten die Kräne der Hafenanlagen empor. Überraschende, faszinierende Kulisse.

Im Nachhinein gebe ich der Kunst bessere Noten als der Musik. Es war nicht viel, nicht so viel wie ich erwartet hatte, aber die Installationen die es gab waren irgendwie liebenswert. Discokugeln im Wald. Ein kleines Holzhäuschen mit zwei seltsamen Bewohnern. Zwei Rieseneier auf einem Festival. Ein Birkenwäldchen voller Papierstreifen. Eine Backofenorgel. Die Elbphilharmonie aus Sperrmüll
und alten Fischernetzen.
Was die Musik anbelangt... ich mochte die Michelles & To My Boy. Und natürlich die Films. Mehr nicht. Aber es war auch Kalt. Verdammt kalt. Wie eine Nacht am Stand eben.
Ob ich jetzt nach Wilhelmsburg ziehe? Nein. Sorry, Ole. Ich bleib wo ich bin.
2007/08/10
Fünf Monate
Das Kondenswasser sammelte sich unaufhörlich auf meiner kalten Bierflasche und fiel alle paar Minuten in dicken Tropfen auf meine Chucks. Die waren sowieso schon nass, vom Platzregen der mich auf dem Weg zur U-Bahn erwischt hatte. Dass in dieser heißen, klebrigen Luft überhaupt noch genug Sauerstoff für all die Menschen war, war bemerkenswert. Ziemlich präzise fünf Monaten war es her seitdem Voxtrot das letzte Mal auf der kleinen, niedrigen Bühne des Molotow zu sehen war. Jetzt waren sie also wieder da. Und ich auch. Aber diesmal war alles ein bisschen anders als damals. Vielleicht, weil der Typ hinter den Turntables mein Freund war. Vielleicht weil ich die meisten Songs, die aus den Boxen schallten in den letzten Tagen rauf und runter gehört hatte. Vielleicht weil mir das Molotow mit samt der Menschen die dort ein und aus gehen immer vertrauter wird. Vielleicht...
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