2007/03/10

Batman – Ein Plädoyer


Ich weiß, du wirfst jetzt verstört einen Blick auf die URL um dich noch mal zu vergewissern, dass du nicht versehendlich auf dem falschen Blog gelandet bist. – Aber nein, du hast dich nicht verirrt. Das hättest du nie von mir gedacht! Tja, sorry... tut mir aufrichtig leid, dass ich hier Weltbilder zum Einsturz bringe und Freundschaften zerstöre, aber es muss einfach mal gesagt sein:
Ich mag Batman.
Und für alle kopfschüttelnden Comicmuffel und mainstream-verachtenden Indie-Cineasten sei an dieser Stelle mit einem der weitläufigsten Vorurteile über den Mann in schwarz aufgeräumt: Batman ist kein Superheld.
Batman läuft nicht unkontrolliert grün an, wird nicht von irgendwelchen Gesteinsbrocken auf unerklärbare Weise in die Knie gezwungen oder nimmt in Gefahrsituationen keine hässliche Feedbackgeräusche und komische Lichtblitze wahr. Er ist, um es an dieser Stelle noch einmal festzuhalten, einfach nur ein Mann in einem Fledermauskostüm.
Nun, über die Kostümwahl lässt sich streiten... enge Hosen, lange Umhänge und spitze Plastikohren sind nicht jedermanns Sache – aber wir wollen uns ja nicht um modische Feinheiten streiten.
Wo Superman &co also fernab jegliche Realität der Schwerkraft und einiger anderer weithin anerkannter Naturgesetze spotten und trotz all ihrer Fähigkeiten am Ende nur um Haaresbreite den Bösewicht in die Flucht schlagen, erledigt Batman die Schurken in guter, alter Krimi-Tradition mit nicht viel mehr als der Hilfe eines coolen Autos und eines Butlers. Und der Butler allein ist schon Grund Batman zu lieben!
Und dann wäre da dann noch die Sache mit den Frauen. Sind wir doch mal ehrlich. Bei den meisten Comic-Helden bleibt für die Frauen nur die Rolle der Jungfrau in Nöten. Da ist die obligatorische Liebesgeschichte a la „Clark liebt Louis und Louis liebt Superman“ die der Geschichte eine verzweifelte Tragik geben soll. Und einmal pro Episode wird die Geliebte dann unauffällig in die Hände des nächsten Allmachtsfantasten gespielt, damit sie kurz vor Schluss wieder aus eben diesen gerettet werden kann.
Anders sieht es bei Batman aus. Klar, ab und zu wird dort zwar auch mal gerne eine Frau gerettet – wer würde sie denn einfach so stehen lassen, wenn sie so schön um Hilfe schreit? – aber in der Hauptzahl finden sich die Frauen in völlig anderen Rollen wieder: Nämlich in der Rolle der Bösen. Und da Batman auch nur ein Mann ist – wie ich ja schon klar gestellt habe – wird er nicht im seltensten Fall schwach bei den hübsch verpackten Kurven seiner Gegenspielerin. Der Held mit Schwächen.
Zuletzt muss ich noch die Ästhetik erwähnen, schließlich sind alle Urteile und Entscheidungen auf lange oder kurze Sicht immer ästhetische...
Batman ist düster, geheimnisvoll, cool. Jeder der den Anfang von Tim Burtons Batman Verfilmungen gesehen hat, kennt vielleicht die Atmosphäre die ich hier im Besonderen meine. Das schattenhafte, trostlose Gotham City, in dem an jeder Ecke das Unheil lauern kann, wird sanft von Schneeflocken bedeckt. Geheimnisvolle Musik. Das ist die dunkle Comic-Tradition die sich auch in Sin City auf eine Art findet.
Das die Schatten in dieser Welt immer ein bisschen tiefer und ein bisschen länger sind als in Wirklichkeit macht es dramatisch, aber die Bodenhaftung hat man noch nicht verloren, - ganz im Gegensatz zu Superman.

...auf eigene Gefahr. Eltern haften für ihre Kinder.

Ich bin für Warnhinweise auf CDs. Ich finde man sollte informiert, gewarnt werden! Vor so etwas wie HATS OFF TO THE BUSKERS. Was ist schließlich, wenn einem solche Musik in die Hände fällt wenn man gerade Liebeskummer hat oder seine anhaltenden Winterdepressionen pflegt? Was dann? Wer übernimmt die Verantwortung dafür wenn plötzlich all die chronischen Trübsalbläser ihre Mitmenschen mit unkontrollierbarem Frohsinn auf die Nerven gehen? Wer haftet für die unvertretbar hohe Abnutzung der Tanzfläche in den Indie-Discos?
Sie scheinen so harmlos. Süße, kleine Melodien, sorglose Texte und herausfordernde Gitarren... Aber drehst du der CD einmal den Rücken zu, verfolgen sie dich. You can run, but you cannot hide... Sie werden auch dich finden und die Macht an sich reißen. HÖR AUF MEINE WARNUNG! VERLASS DAS LAND! SUCH DIR EINEN SICHEREN ORT!

2007/03/05

Hamburg City Nord


Sie haben sie in den siebzigern oder achzigern dort stolz aufgetürmt als ob die Menge an Beton ihn schöner macht. City Nord. Daraus sprach einmal all der Ergeiz, all der Fortschritt und Zukunftsglaube der Stadt. Riesenhafte Gebäudekomplexe, Labyrinthe aus Waschbeton.
Die großen Firmen sind hier schon längst wieder weg gezogen. Der kapitalistische Wanderzirkus zog in die Glas-Käfige in der City Süd – und jetzt noch weiter südlich in die Hafencity. Zurück bleiben die kleineren Firmen, die sich keine goldenen Klingelschilder leisten können.
Viele der Ladenflächen sind leer. Nur vereinzelt einige Läden, ein Schlecker, ein billiger Klamottenladen und fünf oder sechs Cafes und Restaurants. Sie schließen alle pünktlich um halb vier, denn außer den Angestellten in der Mittagspause kommt niemand hierher. Einige Menschen eilen müde an mir vorbei zur U-Bahnstation. Vereinzelt stehen ein paar Angestellte in den Hauseingängen, den einen Arm dicht an den Körper gezogen um sich warm zu halten, ziehen sie ungeduldig an ihren Zigaretten.
Mexikoring 29.
Man hat den Strassen hier die wohlklingenden Namen fremder Länder und Städte gegeben. Singapur liegt direkt neben Sydney und New York. Hamburg, das Tor zur Welt.
Ich brauche eine Weile den richtigen Eingang zu finden. Alle 50m haben sie Lagepläne des Bürogiganten aufgestellt. Ein rotes Quadrat zeigt meinen Standpunkt. Unzählige, aneinander gereihte Rechtecke in verschiedenen Farben stellten die Gebäude dar. Die weiße Spur dazwischen ist mein Weg. Es sieht aus wie eine schlechte Version von Tetris.
Das Schild neben dem Eingang führt den Namen der Firma, zu der ich will, gar nicht auf. Die Liste ist dreispaltig und klein gedruckt. Ich nehme den Fahrstuhl in den zweiten Stock und trete in einen kalten Flur mit schwarz-weiß gesprenkeltem Steinfußboden. Rechts und links jeweils eine milchige Glastür. Auf die eine hat jemand einen Papierbogen mit einem Firmennamen geklebt. Auf der anderen steht „drücken“. Ich trete in einen schmalen Korridor mit grauem Filsfußboden und weißen Wänden. Direkt vor meiner Nase hängt eine große Tafel auf Augenhöhe. Sie führt alle Zimmer der Etage auf. Hinter den Nummern sind bunte Schildchen und Zettel mit zahllosen Namen geklebt. Ich finde schließlich den gesuchten Namen und gehe den Gang hinunter. Verwirrt bleibe ich allerdings vor der gesuchten Tür stehen, denn direkt neben ihr heftet eine Din A 4 Seite mit dem Namen eines Rechtsanwalts. Schließlich entdecke ich das Schild meine Firma an der Tür nebenan.
Das Büro besteht nur aus einem vielleicht zwanzig Quadratmeter großen Raum. In der Mitte steht ein riesiger Tisch mit sechs Stühlen und vier PCs an denen vier Leute arbeiten. Ich denke daran, dass auf jeder Etage dreißig dieser Zimmer sind und dass das Gebäude sechs Etagen hat. Ich denke daran, dass Mexikoring 29 eines von vierzig Adressen in diesem Bürokomplex ist und daran dass der gleiche Betonhaufen auch auf dem Manilaweg oder der Honkongkehre steht.
Ob sie damals wussten, dass von ihrem schillernden Traum von Weltoffenheit und Erfolg nichts weiter als ein Gefängnis übrig bleiben würde? Vierzig Stunden die Woche.
Ich bin froh, dass ich nach einer Stunde wieder an der frischen Luft bin. In der U-Bahn lasse ich Kele für mich singen und schlage den Musikexpress auf. „I am trying to be heroic, in an age of modernity, I am trying to be heroic, because all around me history sings.“

Wildlife / Nightlife

Man muss sich nicht einmal sonderlich anstrengen sie durch das geschlossene Fenster zu hören. Wir haben sie sogar gehört obwohl Günther Jauch gerade wissen wollte zu welchem Organ das Ovale Fenster gehört. Erst war ich ziemlich verwirrt. Vögel singen bei Sonnenaufgang, nicht mitten in der Nacht. – Außer... außer es ist eine Nachtigall. Eine Nachtigall. Sie wohnt in den hohen, dichten Bäumen direkt vor unserem Balkon. Da soll noch mal jemand behaupten in der Großstadt gäbe es keine Natur. Okay, ich gebe zu – ganz die großstädtische Internetjunkies, mussten wir erst eine Soundfile aus dem Netz laden um das fremde Wesen auf dem Baum als Nachtigall identifizieren zu können – aber hey, ich habe zwanzig Jahre auf dem Land gewohnt und kann mich an keine Nachtigall erinnern. Dafür muss es wohl Hamburg sein. Die Stadt mit dem berüchtigten Nachtleben. Sie muss es sein um dem stolzen Vogel seine süßen Töne zu entlocken – schließlich braucht jeder Künstler Publikum.
Wir ließen die Diva jedoch bald allein. Für fünf Euro versprach eine andere Art von Musik schweißtreibende Glückseligkeit: Motorbooty-Live im Molotow mit Voxtrot. Das enge, verschachtelte Molotow mit seiner niedrigen Kellerdecke und winzigen Bühne. Der Drummer sitzt jedes Mal direkt an der hinteren Wand wo die Decke nicht einmal hoch genug ist zu stehen. Manchmal stelle ich mir so den Cavern vor – nur nicht ganz so bunt, ohne die rot gestrichenen Wände, farbenfrohen Dekoartikel und bequemen Sofas. Das dicht gedrängte, schwitzende Publikum hat auf jeden Fall noch die gleichen Frisuren, trägt die gleichen Hosen und Shirts wie damals. Im Molotow spielen sie den heißen Scheiß. Der klingt auch nicht viel anders wie damals, nur heute setzt man vor alles noch ein wohlklingendes „Indie-“.
Dann also Voxtrot aus Texas. Die fünf Musiker hatten auf der Bühne kaum Platz sich zu bewegen. Die erste Reihe musste immer wieder dem ein oder andren Gitarrenhals ausweichen. Ich musste lachen als ich den Höfner-Bass gesehen habe. Vielleicht ist alles was wir tun nicht mehr als eine billige Kopie dessen was sie vor vierzig Jahren getan haben und die ganze Welt träumt davon noch einen Abend im Cavern zu verbringen...
Ich ließ die anderen um halb drei auf der Reeperbahn allein.
Als ich um neun zur Arbeit ging hörte ich einen Specht. Er wohnt wohl auch seit kurzen vor unserem Balkon und war fleißig bei der Arbeit. Ich fragte mich ob die Nachtigall wohl noch schlief. Ob sie schlafen kann.
Ich übernahm wohl mal wieder eine Doppelschicht. Nachtigall und Specht.

2007/03/01

Another Rock'n'Roll Show


Ein Blick auf die Bühne reichte um zu wissen was der Abend bringen würde: Eine silbernes Glitzer-Drum-Set und zwei Hammond-Orgeln. – The Ultimate Sixties Rock’n’Roll Show!
Und jedes dieser Versprechen wurde auch eingelöst. Schließlich ließ die Rolling Stone über JET verlauten: „They are destined to be planet-sized!“ und fand auch für ihre dänische Support-Band THE BLUE VAN schmeichelnde Worte: „Sixties garage rock so meticulously recreated, you can almost smell the sweat.“
Offen gestanden war ich überrascht von der Größe der Show. Viel zu oft hatte ich in letzter Zeit dem „Ich gehe aufs JET Konzert“ ein erklärendes „ne australische Rock’n’Roll Band“ hinzufügen müssen. Aber schon die lange Schlange vor dem Eingang machte klar – sie sind groß – auf dem besten Weg zu „planet-sized“...
Ich habe THE BLUE VAN vor zwei Jahren auf dem RIP gesehen, eher durch Zufall – aber hey, die Jungs können Show machen. Beautiful! Ich seh noch heute die Whiskey-Flasche, die der Typ an der Hammond während der Show leer trank. Das Rock’n’Roll-Klischee. Gestern Abend machten sie es nicht anders. Die Whiskey-Flasche war zwar von der Bühne verschwunden – you gotta get professional boys – aber sonst war alles da. Man kletterte auf alle zu Verfügung stehenden Boxen, auf die Bass-Drum und die Hammond – die bei der Gelegenheit dann auch gleich mehr oder weniger zerlegt wurde. Es macht Spaß und ich hatte endlich Mal das Gefühl jemand hätte sich bei der Wahl der Vorband etwas überlegt.
...Aber nein! Danach kam die ZWEITE Vorband. Man sollte über solche unerfreulichen Dinge nicht reden. Man sollte nicht mal ein Wort verschwenden über Berliner Nachwuchsbands, die sich mit ihrem mittelmäßigen Rock in eine Show drängen, die eigentlich zwei Nummern zu groß für sie ist. Ich sage nicht, dass THE BLUE VAN sonderlich anspruchsvolle, musikalisch interessante Musik machen. Das machen auch JET nicht. Aber sie machen Rock’n’Roll. See what I mean?
Dann also JET. Laut und dreckig. Mit einem Leadsänger der seinen Namen verdient. Es ist seltsam, dass mir beim Gedanken an ihn das wohl un-rockigste Wort der Welt einfällt: Grace – Würde. Vielleicht kommt es daher, weil man bei ihm nie das Gefühl hatte er tut was er tut weil er sich oder anderen etwas beweisen will. Er stand einfach drüber. Am vordersten Rand der Bühne während die Drums und der Bass das Publikum in Bewegung hielten und ließ seinen Blick ruhig, ernst durch den Raum gleiten. Beautiful! Kein Bedarf an kindischen Animations-Spielchen. Drei Songs später fand man ihn auf dem linken Boxtenturm in zwei Metern Höhe über der Bühne wieder. Die Roadies schwärmten besorgt aus. Die Frage, wie kommt er da wieder runter? Er springt und steht für den nächsten Refrain wieder hinterm Micro. Perfect. Planet-sized.