
Die Türschwelle ist nur wenige Zentimeter breit und trotzdem ist es für mich jedes Mal, als würde ich mit dem Schritt über die Schwelle tausende Kilometer reisen. Ich komme gerne und oft hierher, nicht nur weil ich für 3,80 Euro einen riesigen Teller Nudeln bekomme. Ich komme weil dieser Imbiss anders ist als jeder andere in der Stadt.
Durch die Fenster kann man kaum ins Innere sehen. Sie sind so dicht behängt und beklebt mit Schildern und Dekoartikeln. Hühnchenfleisch süß-sauer gibt es schon für 4 Euro. Auf einem der handgeschriebenen Schilder vor der Tür werben sie für so genanntes Heilessen. Tofu und Meeresalgen. Nichts für mich. Hinter der roten Laterne kann man einen Blick von der Küche erhaschen. Sonderlich viel ist dort nie los.
Das Klingen des hölzernen Windspiels im Türrahmen begrüßt mich und während ich die Türklinge loslasse erklingt auch die helle Glocke, die mit einem Bindfaden dort festgebunden ist. Ich bin mir nicht sicher was genau die Bedeutung dieses akustischen Türwächters ist, aber es gibt mir immer ein gutes Gefühl, wie als würde es böse Geister abhalten oder Segen bringen. Der Geruch von Ingwer und Koriander schlägt mir entgegen. Der Raum ist angefüllt mit dem bunten Chaos von Schildern und Gegenständen. Eine hohe Theke grenzt den Vorraum von der Küchenzeile ab. Über der Theke hängen farbenfrohe Abbildungen von Gerichten. Bunte Papierbögen über und an der Theke weisen auf zahllose Angebote hin. Es gibt jedes Essen in zwei Größen. Auf vielen Schildern wurde der Preis handschriftlich korrigiert. Auf der Theke stehen Flaschen mit Sojasauce und Ingwerbonbons zum Verkauf. Ein großer Korb mit Glückskeksen steht gleich neben einer Wanne mit JumJum-Suppen. Im hinteren Bereich des Raums sind bunt zusammengewürfelt alte Bistrotische und Barhocker aufgestellt. Einige sind aus Gusseisen sodass man sie nur schwer und sehr geräuschvoll über den Boden schieben kann. Andere sind aus Holz oder modern gebogenem Aluminium. Die Tischchen tragen wild geblümte Tischdecken und Platzdeckchen. In der Ecke baumelt eine rotmetallisch glänzende Girlande von der Decke. Einige Pflanzen recken ihre Zweige in den Raum, ein Spiegel an der Wand reflektiert den Stapel alter Zeitschriften der auf dem Regal liegt. Nichts passt so richtig zusammen. Es scheint als hätte jemand einfach nur möglichst viele, möglichst bunte Gegenstände für diesen Raum zusammengetragen. Der Albtraum jedes Innenarchitekten. Ich aber mag es. Aus irgendeinem Grund bin ich mir sicher, dass jeder dieser Gegenstände genau an diesem Ort eine ganz bestimmte Bedeutung hat. Ich bin mir sicher, dass es einen Grund hat warum die Tischdecken so schrecklich blumig sein müssen und die Girlande gerade hier im Weg hängt.
Ich bestelle meine „hausgemachten Nudeln mit Gemüse in Erdnusssauce“ und blättere ein Magazin über Frauen in China durch. Es ist halb auf Englisch halb auf Chinesisch und hat viele schöne Landschaftsbilder. Im Hintergrund höre ich einen Fernseher. Die Sendung ist auf Chinesisch und obwohl ich natürlich kein Wort verstehe kann ich schon an der Art wie gesprochen wird erkennen, dass es irgendeine Liebesschnulze sein muss. Romantik klingt in jeder Sprache gleich. Die Köchin singt leise vor sich hin, während sie meine Nudeln anbrät. Eine chinesische Weise. Sicher geht es auch dort um Liebe.
Irgendwie ist es eine Reise in eine andere Kultur. Deutschland liegt weit weg, auf der anderen Seite der Glasscheibe. Ich mag es, dass hier nicht die ästhetischen Regeln der schlichten Moderne herrschen, wie sie viele andere Asia-Imbisse übernommen haben. Wo man sich im Boden spiegeln kann und das Essen funktionell auf dem Plastiktablett serviert wird. Ich mag das Persönliche, das Eigenwillige hier.
Ich lasse meine Stäbchen sinken. Wieder war die Portion zu groß für mich. Ich stelle den Teller auf den schiefen Servierwagen und bedanke mich. Mit klingenden Grüßen fällt die Tür wieder hinter mir zu. Deutschland, Hamburg, Renzelstraße.


















