„Ich hätte wirklich nicht damit gerechnet, dich hier zu treffen,“ sagte er und ich hätte wohl selbst nicht damit gerechnet mich dort zu treffen. Es war ein Impuls des Augenblicks gewesen. Das Produkt vieler unterschiedlicher Faktoren, die an einem Punkt spontan zusammenliefen. Ein Freund hatte mich geduldig mit seiner Begeisterung und einem wohl konzipierten Sampler umgarnt, ich war auf der Suche nach passenden Abendattraktionen für den Hamburg Aufenthalt meiner Schwester und dann war da noch das neue Album, das immer wieder an die Oberfläche meines itunes-Meeres trieb und mich jedes Mal aufs Neue mit einer angenehmen Mischung aus energetischem Brit-Rock und einer tiefen Verbeugung vor den Beatles angrinste und mich kess einlud mir doch noch eine Tasse Lady Grey einzuschenken. Gesagt, getan, ebay aufgerufen und zwei Tickets gekauft. – Oasis live, die Dig Out Your Soul Tour 2008 in der Alsterdorfer Sporthalle in Hamburg. Und Anne ist dabei – verrückt.Eine Woche später schwamm ich dann also irgendwo in der Menschenmasse des Foyers der Sporthalle, versuchte zwei Bier zu organisieren und verfluchte die ganze Idee. Zu groß, zu viele Menschen, zu Kirmes-mäßig. Gab es dort in der Ecke tatsächlich einen Stand der Crèpe und Hotdogs verkaufte!?! Jeder Vierte sah so aus als wäre er zu betrunken sich morgen überhaupt an das Konzert zu erinnern. Event-Konzertbesucher. Was machte ich hier?
Der kratzige Sound der Supportband, Twisted Wheel, drang schon durch die schweren Türen zwischen Foyer und Oberrang und wir warteten immer noch auf unser Bier. Die Vorband ging im kulinarischen Spießrutenlauf unter – kaum jemanden kümmerte es.
Das kühle Bier schließlich in der Hand wurde ich allerdings überrascht von der Leichtigkeit mit der wir uns in den 10 Meter-Raum vor der Bühne schlängelten – vielleicht hatten große Venues ja tatsächlich auch Vorteile. Twisted Wheel packten ein, die Roadies bauten auf. Pfiffe und O-A-SIS-Chöre, dann Licht aus – Spots on. Und dann standen sie da. Plötzlich und unvermittelt. In 10 Meter Entfernung, und sie sahen aus wie man sie schon tausendmal gesehen hat. Wie als kenne man sich seit Jahren.
Die Show lief an. Rock’n’Roll Star. Liam in altbekannter Pose, die Knöpfe an seinem Pea Coat mit hochgestelltem Kragen glänzten golden. Routinierte Lässigkeit. Die Maschine rollte, das Publikum bebte. Der Sound war besser als ich erwartet hatte. Professionell. Genauso wie die live-Übertragung auf die vier schmalen Leinwände über der Bühne. Amüsante Videofetzen und schön postierte Nahaufnahmen. Nach der Hälfte des Konzerts zog Noel seine dunkle Jacke aus und hängte sich die Gitarre über ein blau kariertes Hemd. Ein blau kariertes Hemd. Wie als wolle er einen Gegenpol bieten zu seinem, noch immer in die zugeknöpfte Woll-Jacke gehüllten Bruder. Über so viel eigenwillig bodenständige Fashion-Ignoranz konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. Es gehört wohl dazu...
Weiter im Text. Mit überraschend wenigen Songs vom aktuellen Album (nur The Shock of the Lightning, Waiting fort he Rapture, Ain’t Got Nothing, I’m Outta Time und Falling Down waren vertreten). Mein geliebtes Bag It Up blieb ungehört. Dafür kramte die Band „erschreckend“ viele Songs aus der Schatztruhe, die sich auf dem zweiten, in meinem Besitz befindlichen Oasis-Album finden: (What’s The Story) Morning Glory. Verstreut auf das gesamte Konzert kam alt und jung auf seine Nostalgie-Kosten und durfte nach Herzenslust mitsingen bei Morning Glory, Wonderwall, Don’t Look Back in Anger und Champagne Supernova. Ich fragte mich wie man als Band so lange dieselben Lieder spielen kann ohne verrückt, narzisstisch oder weltfremd zu werden. Ich fragte mich ob Liam wohl irgendwann Rückenprobleme bekommen wird und dann sein Mikro doch auf die richtige Höhe einstellen muss...
Doch trotz all dieser Überlegungen nahm der Sog auch mich mit. Schickte mir Don’t Look Back in Anger – gesungen von 7000 Menschen – einen Schauer über den Nacken, sprang ich mit bei Rock’n’Roll Star und Supersonic, freute mich wie ein Schneekönig über I Am The Walrus. Es war ein Konzert das einem Oasis-Fan alle Wünsche erfüllt. Aber keines, das aus Neugierigen Fans macht. Schön einmal dabei gewesen zu sein.
„Ich hätte wirklich nicht damit gerechnet, dich hier zu treffen.“ Ich weiß, kommt auch nicht wieder vor – wahrscheinlich... ich trink jetzt erstmal ne Tasse Lady Grey.

