2009/01/18

Noel, Liam und Lady Grey

„Ich hätte wirklich nicht damit gerechnet, dich hier zu treffen,“ sagte er und ich hätte wohl selbst nicht damit gerechnet mich dort zu treffen. Es war ein Impuls des Augenblicks gewesen. Das Produkt vieler unterschiedlicher Faktoren, die an einem Punkt spontan zusammenliefen. Ein Freund hatte mich geduldig mit seiner Begeisterung und einem wohl konzipierten Sampler umgarnt, ich war auf der Suche nach passenden Abendattraktionen für den Hamburg Aufenthalt meiner Schwester und dann war da noch das neue Album, das immer wieder an die Oberfläche meines itunes-Meeres trieb und mich jedes Mal aufs Neue mit einer angenehmen Mischung aus energetischem Brit-Rock und einer tiefen Verbeugung vor den Beatles angrinste und mich kess einlud mir doch noch eine Tasse Lady Grey einzuschenken. Gesagt, getan, ebay aufgerufen und zwei Tickets gekauft. – Oasis live, die Dig Out Your Soul Tour 2008 in der Alsterdorfer Sporthalle in Hamburg. Und Anne ist dabei – verrückt.
Eine Woche später schwamm ich dann also irgendwo in der Menschenmasse des Foyers der Sporthalle, versuchte zwei Bier zu organisieren und verfluchte die ganze Idee. Zu groß, zu viele Menschen, zu Kirmes-mäßig. Gab es dort in der Ecke tatsächlich einen Stand der Crèpe und Hotdogs verkaufte!?! Jeder Vierte sah so aus als wäre er zu betrunken sich morgen überhaupt an das Konzert zu erinnern. Event-Konzertbesucher. Was machte ich hier?
Der kratzige Sound der Supportband, Twisted Wheel, drang schon durch die schweren Türen zwischen Foyer und Oberrang und wir warteten immer noch auf unser Bier. Die Vorband ging im kulinarischen Spießrutenlauf unter – kaum jemanden kümmerte es.
Das kühle Bier schließlich in der Hand wurde ich allerdings überrascht von der Leichtigkeit mit der wir uns in den 10 Meter-Raum vor der Bühne schlängelten – vielleicht hatten große Venues ja tatsächlich auch Vorteile. Twisted Wheel packten ein, die Roadies bauten auf. Pfiffe und O-A-SIS-Chöre, dann Licht aus – Spots on. Und dann standen sie da. Plötzlich und unvermittelt. In 10 Meter Entfernung, und sie sahen aus wie man sie schon tausendmal gesehen hat. Wie als kenne man sich seit Jahren.
Die Show lief an. Rock’n’Roll Star. Liam in altbekannter Pose, die Knöpfe an seinem Pea Coat mit hochgestelltem Kragen glänzten golden. Routinierte Lässigkeit. Die Maschine rollte, das Publikum bebte. Der Sound war besser als ich erwartet hatte. Professionell. Genauso wie die live-Übertragung auf die vier schmalen Leinwände über der Bühne. Amüsante Videofetzen und schön postierte Nahaufnahmen. Nach der Hälfte des Konzerts zog Noel seine dunkle Jacke aus und hängte sich die Gitarre über ein blau kariertes Hemd. Ein blau kariertes Hemd. Wie als wolle er einen Gegenpol bieten zu seinem, noch immer in die zugeknöpfte Woll-Jacke gehüllten Bruder. Über so viel eigenwillig bodenständige Fashion-Ignoranz konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. Es gehört wohl dazu...
Weiter im Text. Mit überraschend wenigen Songs vom aktuellen Album (nur The Shock of the Lightning, Waiting fort he Rapture, Ain’t Got Nothing, I’m Outta Time und Falling Down waren vertreten). Mein geliebtes Bag It Up blieb ungehört. Dafür kramte die Band „erschreckend“ viele Songs aus der Schatztruhe, die sich auf dem zweiten, in meinem Besitz befindlichen Oasis-Album finden: (What’s The Story) Morning Glory. Verstreut auf das gesamte Konzert kam alt und jung auf seine Nostalgie-Kosten und durfte nach Herzenslust mitsingen bei Morning Glory, Wonderwall, Don’t Look Back in Anger und Champagne Supernova. Ich fragte mich wie man als Band so lange dieselben Lieder spielen kann ohne verrückt, narzisstisch oder weltfremd zu werden. Ich fragte mich ob Liam wohl irgendwann Rückenprobleme bekommen wird und dann sein Mikro doch auf die richtige Höhe einstellen muss...
Doch trotz all dieser Überlegungen nahm der Sog auch mich mit. Schickte mir Don’t Look Back in Anger – gesungen von 7000 Menschen – einen Schauer über den Nacken, sprang ich mit bei Rock’n’Roll Star und Supersonic, freute mich wie ein Schneekönig über I Am The Walrus. Es war ein Konzert das einem Oasis-Fan alle Wünsche erfüllt. Aber keines, das aus Neugierigen Fans macht. Schön einmal dabei gewesen zu sein.
„Ich hätte wirklich nicht damit gerechnet, dich hier zu treffen.“ Ich weiß, kommt auch nicht wieder vor – wahrscheinlich... ich trink jetzt erstmal ne Tasse Lady Grey.

Zum Start der neuen Saison

Nun sind wir tatsächlich auch musikalisch im neuen Jahr angekommen; und es schmerzt mich wenn ich daran denke, dass einige echte Highlights des letzten Jahres völlig im vorweihnachtlichen Alltags-Strudel untergegangen sind und gar keinen Eingang in diese kleine Konzertchronik gefunden haben. Somit wage ich zum Start des neuen Jahres noch einen schnellen Blick auf diese "verlorenen Jungen" des vergangenen Jahres zu werfen. In chronologischer Reihenfolge wären da zu erwähnen:
The Cold War Kids im Knust und MGMT im Übel und Gefährlich – zwei Konzerte, die - obwohl musikalische grundverschieden – irgendwie sehr ähnliche Miseren verdeutlichten. Beide Konzerte waren gut gelaunte, wohlklingende Erlebnisse mit tollen Melodien und amüsiertem Publikum. Nur blieb bei mir der Eindruck, dass die gute Laune auf der Bühne und das Amüsement vor ihr wenig miteinander zu tun hatte. Keine Verbindung. Die Cold War Kids performten ihre intelligent-kritischen Klang- und Textwelten mit dem auf sich selbst bezogenen Gestus, der beinahe verächtlich auf die klatschende Menschenmenge hinunterblickt – wie als versuchten sie ihren eigenen Erfolg zu ignorieren.
Das MGMT Konzert legte jedoch noch ein paar extra Steinschichten auf diese imaginäre Mauer zwischen Band und Publikum. Wie als planten sie das Publikum ganz des Hauses zu verweisen oder wenigstens auf den Boden der Tatsachen zurück zu holen, präsentierten sie den kleinen Teenage-Mädchen in ihren bunten, Neo-Hippie-Kostümen und Stirnbändern zuerst einmal ihre befreundete New Yorker Supportband A Place to Bury Strangers, die mit ihre Stroposkop-Lichtshow und ihrem nicht ganz leicht bekömmlichen Cocktail aus Electrobeats und Gitarrenwänden die auftoupierten Haare der Erste-Reihe-Mädchen flachfönten. MGMT selbst zeigten sich dann in verwaschenen, grau-schwarzen Heavy Metal-T-Shirts und verbeulten Jeans, ohne große Lichtshow und dem aus Video und Promo-Fotos bekannten Space-Indianer-Look - wie als wollten sie sich nach all diesen Musikbusiness-Exzessen auf die handgemachte Musik an sich besinnen. Sympathisch für jemanden wie mich – Weltbilder-zerrüttelnd für kleine Neo-Hippie-Mädchen.
Das Jahresende beschlossen schließlich zwei Konzerte, die sich ebenfalls unter einem gemeinsamen Label zusammenfassen lassen. Die Konzerte waren Ra Ra Riot im Molotow und The Dodos im Headcrash, und das Label ist schlichtweg: großartig. Kleine, aber feine Konzerte mit toller Musik. Die junge, inspirierte, sechs-köpfige Kombo Ra Ra Riot aus Syracuse, New York (wo auch immer das ist) – komplett mit Cello und Geige und einem Wirbelwind aus hüpfenden Beats und charmanten Melodien - und ein paar Tage später dann das energetische Duo aus San Francisco, California – komplett mit Celeste, völlig zerbeulter Mülltonne und einem Gitarren-beschleunigten Drive, der unter die Haut geht. Perfekt.

So, und damit sei auch den letzten Konzerten 2008s genüge getan.
Willkommen in der neuen Saison!

2009/01/09

Postmoderne Verstrickungen

Es mag seltsam klingen, aber für mich gibt es zurzeit keinen besseren Ausgleich zu meinem Magister-und-Nebenjob-überbelasteten Alltag als meinen Denkapparat für eine Stunde oder zwei einfach komplett auszuschalten, zu stricken und dazu gute Musik oder ein Hörbuch zu hören. Vergesst Joga. Einfach stricken.
Also machte ich es mir auch an diesem Abend auf dem Bett bequem, rückte das Kissen als Rückenlehne gegen die Wand, kramte mein Strickzeug raus und drückte auf play. Haruki Murakamis „A Wild Sheep Chase“ als Hörbuch. Eine großartige, abgefahrene Geschichte, auf großartige, abgefahrene Weise erzählt. Und wer Murakami kennt ist sie gewohnt: die parallelen Handlungsstränge und ständigen Zeitsprünge; die Perspektivenwechsel und irrealen Verbindungen. Somit wunderte ich mich nicht, als die mir erzählte Geschichte nicht unbedingt sonderlich kohärent erschien und auch keine direkten Zusammenhänge im streng logischen Sinn eröffnete. Die Zusammenhänge würden sich schon noch finden, wie sie sich bei jedem Murakami Buch auf mystische Weise stets noch gefunden hatten, dachte ich mir als ich schließlich zu meinem Computer zurückkehrte um itunes zu schließen und das ibook herunterzufahren. – Und dann sah ich ihn. Der kleine Knopf mit den beiden überkreuzten Pfeilen in der linken unteren Ecke des itunes-Fensters, der mir fröhlich, leicht bläulich entgegenleuchtete. Shuffle.

Woran man erkennt, dass es sich um ein literarisches Werk der Postmoderne handelt?
Es macht nur einen graduellen Unterschied ob man das fragliche Hörbuch normal oder auf Shuffle hört.

Hometown Blues

Mit „Narrow Minded Social Club“ im Ohr verlasse ich die Wohnung, ziehe meine Kapuze über den Kopf und trete in die Kälte hinaus. Ich schliddere den gepflasterten Fußweg durch den kleinen Park entlang und stehe bibbernd im Wind an der Ampel. Wieder zu spät zur Arbeit. Die U-Bahn ist nicht sonderlich voll, der Berufsverkehr ist eigentlich schon seit einer Stunde vorbei. Nur Studenten würden diese Tageszeit noch als Morgen bezeichnen. Eine dunkelhaarige Schönheit schlägt mir gegenüber ihre langen Beine übereinander und spielt in Gedanken versunken mit ihrem linken Ohrring. Ich versuche mich auf den Text zu konzentrieren, den ich eigentlich schon gestern für die Arbeit gelesen haben wollte. Er ergibt keinen Sinn.
Ein älterer Mann mit einer Gitarre und ein jüngerer mit einem Pappbecher steigen in unseren Wagon. Ich erinnere mich an ihre Gesichter, sie sind öfter auf dieser Linie unterwegs. „Einen schönen, guten Morgen und noch ein gutes neues Jahr wünschen wir und bringen wohlklingende Grüße von Elvis Presley!“ Sie singen „Return to Sender“ und klappern mit den Münzen im Pappbecher. Die langbeinige Schönheit fischt ein paar Münzen aus ihrem Portemonnaie. Elvis Presley wäre gestern 74 Jahre alt geworden. Komischer Zufall. David Bowie hat am selben Tag Geburtstag. Aber keine schönen Grüße von ihm. Ich denke darüber nach ob man mit „Life on Mars?“ Spenden bekommt, als ich die U-Bahn verlasse und durch das Stationsgebäude eile. Beinahe stoße ich mit einem Marsianer zusammen. Zwei Kunststudentinnen haben sich hauchdünnen, violetten Seidenstoff über die Gesichter gespannt und posieren in der Eingangshalle. Eine hat eine Blüte aus Alufolie im Haar. Ich stolpere hastig weiter zum Bus. Die langbeinige Schönheit steht auch an der Bushaltestelle. Ich bin tatsächlich zu später zur Arbeit. Als ich den Bus verlasse und an einer weiteren U-Bahnstation vorbei meinem Schreibtischstuhl entgegeneile bleibt mein Blick an einem alten Bettler mit langen wuscheligen Haaren, langem wuscheligen Bart und einer verstimmten Gitarre hängen. Er singt aus Leibeskräften. Ich kann den Song nicht identifizieren. Rhythmisches Schrummeln, melodieloser Gesang. Sein Blick folgt meinem Gang. Ich bin sein einziges Publikum. Er und ich. 20 Meter zwischen uns. Dann bin ich vorbei. Münzenlos vorbei. Und ich höre ihn „Fuck Yourself“ schrummeln und frage mich ob es Teil des Songs war.