2008/10/16
2008/10/13
Life On Mars
Ich hätte wohl schon viel früher beginnen müssen mir sorgen um mein Englisch zu machen. Hätte reagieren müssen als noch Hoffnung bestand. Es konnte schließlich nicht gut, nicht gesund sein. Ich steuerte unaufhaltsam in das dunkle Tal linguistischer Peinlichkeit und Schuld daran war eigentlich nur mein Fernseher... Ich mache keinen Hehl daraus, dass sich meine Englischkenntnisse zu großem Teil regelmäßigem Konsum von englischsprachiger Musik und englischsprachigen Filmen verdanken. Nun ist es so, dass es mir vor allem Filme angetan haben, in denen (Pop)Musik eine wichtige Rolle spielt; und einem seltsamen Zufall verdanke ich es wohl, dass jene meine Lieblingsfilme allesamt in einer bestimmten Popmusik-Epoche verortet sind: Den Siebzigern. Allesamt. Almost Famous. Lords Of Dogtown. Velvet Goldmine. Filme bei denen ich teilweise die Dialoge mitsprechen kann...
Kann es angesichts dieser bedenklich veralteten, nostalgischen Tendenz gesund sein, dass meine neuste Film und Fernseh-Leidenschaft ausgerechnet die – natürlich in den Siebzigern spielende – BBC Serie Life On Mars ist? Was passiert mit jenem heiligen, reinen, Gott- bzw. Shakespeare-gegebenen Oxfort-Englisch wenn es stundenlangem „Can you dig it?“, „freak-out“ und „foxy mama“ ausgesetzt ist? Was wird aus „What light through yonder window breaks?“ und „ Is this a dagger which I see before me.“ ...?
Zuerst war es ein schleichender Prozess. Ein kleines „bitchin“ hier ein unauffälliges „funky“ oder „boogie“ da... nichts Beunruhigendes. Und dann passiert es. Völlig unverhofft rutscht es raus, das ständige „gnarly!“ das unaufhaltsame „Peace, dude.“, das unkontrollierbare „far-out!“. Es ist schon zu spät. Gefangen in den Siebzigern.
2008/10/12
Wiedersehen
Ich hatte eigentlich keine Lust zu gehen. Sehnte mich vielmehr nach ein bisschen Ruhe in meinem chaotischen Leben zwischen zwei verschiedenen Bürostühlen, meinem mit Literatur überladenen Schreibtisch zuhause, dem lang vernachlässigten Berg an Wäsche, den unbeantworteten Telefonanrufen und ungeputzen Fenstern. Sehnte mich eigentlich nach einem langen Spaziergang auf dem Deich mit dem kühlen Wind im Gesicht und dem grauen Meer zu meinen Füßen... aber ich ging doch. Weil ich das Ticket schon hatte. Und weil laute Musik in dunklen, stickigen Räumen das beste Mittel gegen Fernweh ist...Jener amüsante Abend an dem ich Someone Still Loves You Boris Yeltsin kennen lernte war präzise 16,5 Monate und ein Album her. Damals war die Entdeckung der Band für mich mehr Zufall, das Nebenprodukt einer Geburtstagsfeier und doch habe ich den Sound dieser Band – mit all seiner, für mich sonst eher abschreckenden, amerikanischen Naivität – sehr zu schätzen gelernt und freue mich jedes Mal wenn die träumerische Stimme von John aus dem kleinen Teich fröhlicher Gitarren und Beats auftaucht.
So suchte ich mir also in der vertrauten Dunkelheit des Molotow eine gemütliche Stelle zwischen DJ-Verschlag und rechtem Bühnenrand und vertrieb mir die Zeit vor dem Konzertbeginn mit einer Flasche Astra und dem Studium des Publikums. Kaum bekannte Gesichter, dafür umso mehr Gesichter, denen man ansehen konnte, dass ein Konzert ein besonderes (gesellschaftliches) Ereignis in ihrem Leben darstellt. Schwerverliebte Mitt-Zwanziger-Pärchen, zahllose fein herausgeputzte Mädchen mit kurzen Kleidchen und hübsch frisierten Haaren, dazwischen eine Clique Studenten die gerade ihre Motor-Roller-Helme an der Garderobe abgegeben hatten und sich nun Scherze zuwarfen.
Ins Auge fiel mir außerdem ein kleiner, bunter Kreis auffallend englisch sprechender junger Menschen, die kurze Zeit später bewaffnet mit zwei Gitarren, Bass, Drum-Sticks, Cello und Trompete auf die Bühne stiegen um das Publikum mit einem gutgelaunten Indie-Sound zwischen Shout Out Louds, The Arcade Fire und Franz Ferdinand wegzufegen und hinzureißen (okay, bei letztgenannter Band mag sich die Ähnlichkeit weniger auf das musikalische als auf das geographische beziehen...). Kurzum: ich war entzückt, und hätte die Band statt ihrer 7“ einen Silberling zum Kauf angeboten, ich hätte ihn nur allzu gern erworben.
Eine kurze Umbaupause später zeigten sich schließlich die wohlbekannten Gesichter der vier netten Jungs aus Springfield, Missouri auf der Bühne. Sie beglückten das wohlwollende Publikum mit einer hübschen Mischung aus neuen Songs und den Gassenhauern des letzten Albums. Professionell und doch sympathisch. Kurzweilige Unterhaltung, die nach zwei Zugaben in einem Gitarren-Skateboard-Experiment ausklang (falls sich der geneigte Leser fragt was unter einem Gitarren-Skateboard-Experiment zu verstehen: Man nehme eine E-Gitarre und eine Reihe bunter Verzerrer, lege das Instrument bauchwärts auf den Boden, steige auf und tue so als würde man ein paar Blocks Skateboard fahren... klanglich vergleichbar mit dem Beginn von Hendrix’ Star Sprangled Banner).
Überrascht, dass Phil von SSLYBY sich noch an mein Gesicht von letztem Jahr erinnerte, ließ ich mich gern dazu überreden den Herren (und Damen) zum Beatles-Platz zu begleiten – ein bisschen Sightseeing muss eben sein... Der amerikanische Teil unserer Gesellschaft verließ uns allerdings bald, da deren Hotel anscheinend etwas weiter weg lag und der Fahrer nicht zu einem Abend auf dem Kiez zu überreden war. So verbrachte ich noch ein, zwei Stunden mit der bunten Runde junger Schotten bevor ich – den Kater, der mich am nächsten Morgen in der Arbeit wohl erwarten würde, vor Augen – den Nachtbus nach hause nahm.
Naja... „beinahe“ wie ein langer einsamer Spaziergang am Meer...
2008/10/01
Festival-Geständnisse
Fein, ich gebe es zu. Ich bin ein Snob. Es ist so und ich spüre auch kein Bedürfnis daran etwas zu ändern. Ich mag meinen Lebensstil. Diese seltsame Mischung aus Musikfanatismus, feinhumorigem intellektuellem Gestus und Spaß. Die offen nach außen getragene Hochnäsigkeit des „guten Geschmacks“, die sich in trendy Bars und Clubs, den aktuellen Last.fm-Charts, Blogbeiträgen, den richtigen Büchern und Zeitungen, und Konzert-Locations manifestiert. Ich mag die Tatsache, dass es eine gute (Hamburger Berg) und eine böse (Hans-Albers-Platz) Seite der Reeperbahn gibt. Ich liebe lange, besserwisserische Gespräche über das letzte Album dieser oder jener New-Comer-Band. Ich fühle mich zuhause im morbiden Charme der Couchbar und dem sauerstoffarmen Raum über der Tanzfläche im Grünen Jäger. Es ist meine Welt. Eine Welt, die sich jetzt seit einiger Zeit schon sehr erfolgreich um einen erlesenen Kreis von Freunden und Bekannten dreht. Sie rotiert im Wesentlichen um Musik. Und selten war mir die Exklusivität, die Isolation dieser Welt so bewusst wie beim Reeperbahn-Festival am vergangenen Wochenende.
Es war ein Wochenende pure Musik. Mein Kopf war voll mit Bands, Sounds, Zeiten, Locations, alten und neuen Gesichtern. Gerüchte über Hypes und absolute Nieten, Geheimtipps und Überfüllungswarnungen machen die Runde. Immer und immer wieder formiert und reformiert sich unsere kleine Clique der Musikverrückten vor der Bühne dieser oder jener Band. Es wurden wissende Blicke und besserwisserische Worte ausgetauscht. Alle kannten die Spielregeln, jeder spielte seine Strategie. Es ging nicht um gesellschaftliche Ereignisse oder puren Spaß. Es ging allein um die Musik und deshalb eilten wir auch gerne völlig atemlos von einem Ort zum anderen und standen auch ohne Begleiter in der Menge. Und jede Minute war es wert.
Jeder Tropfen Schweiß, der mir im überfüllten, ausgelassen tanzenden Molotow beim maritim trällernden Sound von Pete and the Pirates den Nacken hinunter lief.
Jedes Lächeln, dass mir Turner Cody und seine Band in der Prinzenbar mit ihrer seltsam, schrulligen Mischung aus altmodischem Country und überraschenden Texten auf die Lippen zauberte.
Jede Mitsing-Melodie von Look See Proof, die das Konzert mit dem leicht affektierten Rock’n’Roll-Abgang in meinem Kopf hinterließ, und jeder Mittanz-Beat von den Foals, die meine Beine auf dem luftleeren Balkon im überfüllten Grünspan dirigierte.
Jedes amüsierte Erstaunen über den außergewöhnlichen Sound und Look des Gesamtkunstwerks Moto Boy und seine schwebenden Melodien.
Jede Klangreise auf die mich The Miserable Rich mit ihren (leider diesmal nur 4) Saiteninstrumenten entführten.
Jede fröhliche Tanzeinladung, die die Jungs von Tahiti 80 in der, sich mit Vorfreude auf TV on the Radio füllenden, Großen Freiheit in ihrem niedlichen französischen Akzent aussprachen.
Jede melancholische Gedankenreise auf die mich die Akustiksessions von Unbunny und Wintersleep im Grünen Jäger mitnahmen.
Jede Geste erfahrener Rock-Coolness hinter den langen Haaren von Evan Dando bei dem lang ersehnten Konzert der Lemonheads in der Großen Freiheit.
Und schließlich jede kindliche Freude in den Gesichtern von Nada Surf als das vollkommen gefüllte Docks für sie klatsche und sang...
Doch irgendwo dort, zwischen Festival-Timetable, Einlasskontrollen, musikalischer Fachsimpelei und dem neusten Tipp für das Album des Jahres muss es wohl passiert sein. Jemand, der nicht Teil unseres bunten Festival-Zirkus war kreuzte irgendwo auf der Reeperbahn hoffnungsvoll meinen Weg und prallte an meinem großstädtischen Musik-Snobismus ab. You’re nice and all... but sorry. Members Only.




Es war ein Wochenende pure Musik. Mein Kopf war voll mit Bands, Sounds, Zeiten, Locations, alten und neuen Gesichtern. Gerüchte über Hypes und absolute Nieten, Geheimtipps und Überfüllungswarnungen machen die Runde. Immer und immer wieder formiert und reformiert sich unsere kleine Clique der Musikverrückten vor der Bühne dieser oder jener Band. Es wurden wissende Blicke und besserwisserische Worte ausgetauscht. Alle kannten die Spielregeln, jeder spielte seine Strategie. Es ging nicht um gesellschaftliche Ereignisse oder puren Spaß. Es ging allein um die Musik und deshalb eilten wir auch gerne völlig atemlos von einem Ort zum anderen und standen auch ohne Begleiter in der Menge. Und jede Minute war es wert.
Jeder Tropfen Schweiß, der mir im überfüllten, ausgelassen tanzenden Molotow beim maritim trällernden Sound von Pete and the Pirates den Nacken hinunter lief.
Jedes Lächeln, dass mir Turner Cody und seine Band in der Prinzenbar mit ihrer seltsam, schrulligen Mischung aus altmodischem Country und überraschenden Texten auf die Lippen zauberte.
Jede Mitsing-Melodie von Look See Proof, die das Konzert mit dem leicht affektierten Rock’n’Roll-Abgang in meinem Kopf hinterließ, und jeder Mittanz-Beat von den Foals, die meine Beine auf dem luftleeren Balkon im überfüllten Grünspan dirigierte.
Jedes amüsierte Erstaunen über den außergewöhnlichen Sound und Look des Gesamtkunstwerks Moto Boy und seine schwebenden Melodien.
Jede Klangreise auf die mich The Miserable Rich mit ihren (leider diesmal nur 4) Saiteninstrumenten entführten.
Jede fröhliche Tanzeinladung, die die Jungs von Tahiti 80 in der, sich mit Vorfreude auf TV on the Radio füllenden, Großen Freiheit in ihrem niedlichen französischen Akzent aussprachen.
Jede melancholische Gedankenreise auf die mich die Akustiksessions von Unbunny und Wintersleep im Grünen Jäger mitnahmen.
Jede Geste erfahrener Rock-Coolness hinter den langen Haaren von Evan Dando bei dem lang ersehnten Konzert der Lemonheads in der Großen Freiheit.
Und schließlich jede kindliche Freude in den Gesichtern von Nada Surf als das vollkommen gefüllte Docks für sie klatsche und sang...
Doch irgendwo dort, zwischen Festival-Timetable, Einlasskontrollen, musikalischer Fachsimpelei und dem neusten Tipp für das Album des Jahres muss es wohl passiert sein. Jemand, der nicht Teil unseres bunten Festival-Zirkus war kreuzte irgendwo auf der Reeperbahn hoffnungsvoll meinen Weg und prallte an meinem großstädtischen Musik-Snobismus ab. You’re nice and all... but sorry. Members Only.
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