2008/11/28

Stempel auf Stempel


Man konnte den leicht verblichenen Stempel von der letzten Nacht auf meinem Handgelenk noch erkennen. Ich war donnerstags schon für die Blood Red Shoes im Knust gewesen (Habe ich sie jetzt schon vier oder fünf Mal gesehen? ich bin mir nicht mehr sicher...). Nun waren präzise 24 Stunden vergangen und schon wieder drückte der junge Mann hinter dem Einlass Schalter mir einen Stempel auf die Haut und winkte mich vom Regen hinein in das warme Innere. Während ich meinen Mantel abgab überlegte ich mir ob ich dem Barkeeper wohl einfach ein „wie immer!“ zu werfen könnte..., entschied mich dann jedoch für die konventionelle Art der Bierbestellung. Angenehme Stimmung im übersichtlich gefüllten Knust. Einige bekannte Gesichter, gute liebe Bekannte, ein neues T-Shirt vom Merch-Stand und das Konzert konnte beginnen. Was folgte war die überengagierte Performance der dänischen Vorband Sterling International, die in einer dänischsprachigen Version des Brian Eno Klassikers „Needle in the Camel’s Eye“ ihr Ende und ihren Höhepunkt fand. Nach einer kurzen Umbau-Pause in der zwei weitere Keyboards und vier unterschiedlich-farbige Neonröhren auf der Bühne installiert wurden tauchte schließlich die charmante sechsköpfige Band aus Jacksonville, Florida auf. Time to Dance. Time for Black Kids. Eine sichtlich gutgelaunte Band, jung und energetisch auf ihrer ersten Europa-Tour. Eine fröhliches Publikum, dass nur darauf wartete zu „I’m Not Gonna Teach Your Boyfriend How To Dance With You“ und „Look At Me (While I Rock Wichoo)“ auszuflippen. Hot beats, catchy tunes, cheerful 80ies keyboard sounds and ringing guitars. Eine Stunde, die im Flug verging und Lust auf mehr machte. Mehr fanden wir schließlich im Turmzimmer des Übel und Gefährlich, wo sich ein kleiner exquisiter Kreis (inklusive dem Sänger und dem Bassist der Band) bei „Striktly British“ wieder traf. Neuer Club, neuer Stempel. Und ich muss sagen, ich hatte wirklich Spaß. Für ein paar Stunden mal wieder mittendrin, in Hamburgs Indie-Musik-Szene. Mittendrin, zwischen all den Music-Snobs und unverbesserlichen -Liebhabern. Mittendrin und ein Teil davon.

Der Kinderpsychologe, die WII und ich

Digitalisierung – einer der hoffnungsvoll schillernsten Begriffe unserer Zeit, heiliger Gral der Postmoderne und zu gleich der Austragungsort zahlloser erbitterter Kämpfe und Ziel radikalen kulturkritischem Exorzismus.
Diese Woche hatte ich das Vergnügen der Zeit Wissen Zukunftswerkstatt in Hamburg beizuwohnen, die genau diesem Thema ihre Aufmerksamkeit schenkte. Die Organisatoren – werbewirksam unterstützt von Nintendo – hatten ein paar der führenden Köpfe aus Wissenschaft und Praxis eingeladen, ein Stündchen oder zwei über „Mehrwert oder Zeitverschwendung“ jener viel zitierten Digitalisierung unseres Alltags zu diskutieren. Unter den Podiumsgästen zum Beispiel Prof. Dr. Gundolf S. Freyermuth, Professor für Angewandte Medienwissenschaften an der internationalen Filmschule Köln, Dr. Wolfgang Bergmann, Leiter des Instituts für Kinderpsychologie und Lerntherapie in Hannover und der Head of Marketing von Nintendo Deutschland, Pascal Schmidt.
Schon die Auswahl der Gäste ließ befürchten, dass sich die angekündigte Diskussion „Digitalisierung des Alltags – Mehrwert oder Zeitverschwendung?“ vor allem um die ewige Frage drehen würde, ob die digitalen Medien – Computerspiele vorneweg – unsere Kinder verderben und zu Amok-laufenden Killermaschinen erziehen. Andere Facetten der alltäglichen Digitalisierung unseres Lebens blieben – zum offenkundigen Bedauern vieler Zuhörer – weitgehend unberührt.
Ich muss offen sagen, das Thema berührt mich wie kaum ein zweites. Mein Alltag ist komplett durchdrungen von jenen magischen Einsen und Nullen. Kurz gesagt: Mein Alltag ist digital.
Nun mag ich in einer besonderen Position sein: Als bekennende Bloggerin und aktives Mitglied einiger Internet-Communities. Als im Examen befindliche Studentin mit zwei Recherche- und Büro-Nebenjobs, vier eMail-Adressen und einer chronisch zu hohen Telefonrechnung. Als junge Frau mit national und international verstreuten Freunden und Bekannten. Und nicht zuletzt als digital native – also jener Spezies Mensch, die irgendwie spielerisch in das digitale Zeitalter hineingewachsen ist. Mein Leben wäre ohne die digitale Vernetzung ist undenkbar. Ich mag ein Extremfall sein, doch ist meine Lebenssituation nicht nur die Spitze eines Eisbergs, der unsere gesamte Gesellschaft über Wasser hält?
Wer dieses Thema angeht ist mit unzähligen möglichen Blickwinkeln und Diskursen konfrontiert. Die Podiumsdiskussion der Zeit Wissen Zukunftswerkstatt konnte nur wenige Aspekte schlaglichtartig beleuchten. Gerne und viel ließ man sich über möglichen die Folgen der alltäglichen Digitalisierung für unsere Kinder aus. Von einer generellen Verteufelung von Computerspielen und Internet nahm man zum Glück Abstand. Der Kindertherapeut Dr. Wolfgang Bergmann plauderte aus dem Nähkästchen und appellierte auf sympathische Weise an den gesunden Menschenverstand der Eltern. Gefahren – so Bergmann – würde nicht aus den Medien selbst entstehen sondern vielmehr aus der unzureichenden Vermittlung von Medienkompetenzen an die Kinder. – Hier zeigt sich auch eines der grundlegenden Probleme der gesamten Diskussion: wenige Menschen beschäftigen sich eingängig mit den digitalen Medien. Oft sind Eltern uninteressiert und unmotiviert ihre Kinder in ihrer Reise durch die Medienwelten zu begleiten. Sie bleiben außen vor und verspielen so die Möglichkeit direkten Einflusses. Doch auch die Experten sind vor den Stolperfallen des digitalen Medienkomplexes nicht gefeit. Wenn Bergmann zum Beispiel den negativen Einfluss von webbasierten Parallelwelten wie „World Of Warcraft“ anprangert, der unsere hoch intelligente, sensible Jugend offenbar in hybride, depressive Persönlichkeiten verwandelt, dann verzettelt er sich nicht nur in den feinen Unterschieden zwischen fiktiver und realer Kommunikation – eine Unterscheidung, auf die Prof. Dr. Freyermuth besonders aufmerksam macht – er vergiss ebenfalls, dass solche Tendenzen nicht von der Art des Mediums bedingt werden. Wenn es tatsächlich eine gehäufte Anzahl von Jugendlichen gibt, die die fiktive Welt eines Computerspiels der eigentlichen Realität vorziehen und sich damit in psychische Probleme stützen, so scheint mir das erstens nicht sonderlich neu und zweitens durchaus zeit- und gesellschaftsbedingt. Es ist mehr als zweihundert Jahre her, dass ein kleines Buch ganz ähnliche Symptome bei seinen jungen Lesern hervorrief. In Folge der Veröffentlichung von Goethes „Die Leider des jungen Werther“ 1774 begingen zahllose intelligente, sensible, junge Menschen Selbstmord – als Resultat von übertriebener Identifikation und der Überhöhung fiktiver Ideen- und Gefühlswelten. Ähnliche Diagnosen könnte man wohl auch heutigen Jugendlichen ausstellen.
Andererseits scheint das Schema der Überemotionalisierung und Realitätsflucht in diesen Tagen durchaus gesellschaftliche und mediale Unterstützung zu genießen. Eine ganze Fülle von Jugendbewegungen – angefangen von der Gothik-Bewegung in den 1980er Jahren bis hin zu den Emo-Kids der 2000er – badet förmlich in einer weltfremden, emotionsbetonten Realitätswahrnehmung – als sei die Flucht in die Depression die einzig verbleibende jugendkulturelle Revolution. An anderer Stelle werden psychische Erkrankungen wie das Borderline- oder das Asperger-Syndrom zu trendigen Fashion-Accessoires, die sich jeder Jugendlicher mit Blick auf zahlreiche „Celebrity“-Vorbilder gerne an den Hemdkragen pinnt. Das hier etwas schief geht steht außer Frage. Doch ist der Einfluss der digitalen Medien auf jene Entwicklungen tatsächlich größer als der jedes anderen Mediums? Eher nicht.
Während die Podiumsdiskussion dem Thema Medienumgang und Medieneinfluss bei Kindern und Jugendlichen somit viel Raum gab, blieben viele andere Fragen unbeantwortet. In wieweit vergrößert oder verkleinert sich unsere Welt mit dem digitalen Netzwerk? Ist der Mensch isolierter als je zuvor, weil seine Abende zuhause vor dem Computer verbringt? Oder ist er mehr denn je mit Menschen verbunden, weil eben jener Computer die Welt selbst ins eigene Heim holt? Sind wir froh über die gewonnenen Freiheiten unsere Zeit einzuteilen und effektiv zu nutzen, oder sehen wir uns nur als Ackertier der kapitalistischen Maschinerie? Sorgt die Digitalisierung tatsächlich für die versprochene Vereinfachung und Zeitersparnis? Und wenn dem so ist, warum hat der Bürger am Ende des Tages trotzdem das Gefühl weniger Zeit zu haben?
Beantworten konnte diese Fragen niemand, nach der einundhalb Stunden Podiumsdiskussion der Zeit Wissen Zukunfswerkstatt. Aber digitales Leben testen, das war kein Problem: „Eine kleine Runde Bowling auf der WII?“ – Ohja! Und das ohne Ball oder Bahn. Großartig. Gepriesen sei der Gott der Einsen und Nullen.

2008/11/19

Vampire und andere Monster

Es war in letzter Zeit zu viel. Die abgerissenen, zerknitterten Konzert-Tickets liegen in einem Stapel neben meiner Stereoanlage und erinnern mich daran dass es Zeit ist ein paar der abgerissenen, zerknitterten Erinnerungen glatt zu streichen und hier dekorativ an die Blog-Wand zu pinnen...

Mehr als zwei Wochen ist es schon her: Halloween-Weekend. Vampire Weekend.
Unsere selbst gezimmerte „Indie vs Electro“ Party im Wohnheim am Halloween-Abend. Zwei Music-Snobs schmeißen eine Party, laden andere Music-Snobs ein, um bis zum Morgengrauen zu reden, zu trinken, zu tanzen und finden sich am Ende wieder mitten in einem Haufen gutgelaunter, betrunkener Menschen in verrückten Kostümen, die gerne „Party-Musik“ hören wollten. Unsere Antwort: Inform yourselves. Die Party-Einladung war unmissverständlich: no techno, no r’n’b, no charts, just good music. Live with it.
Ein paar Stunden Schlaf und einige Kisten Leergut später trafen sich einige der Music-Snobs des vergangenen Abends wieder: Vampire Weekend im Übel und Gefährlich. Catherine, Axel und ich auf dem Logenplatz am Geländer. Die spanische Support-Band El Guincho hämmerte mit ihren repetitiven Beats auf uns ein. Das Gefühl von 20 Herz Bässen in der Magengegend und der Geruch von Kunstnebel nahm mich plötzlich mit auf eine Zeitreise zurück in die frühen 90er, als ich als junges Ding auf meine ersten (Dorf-)Disko-Abende ging und beides noch einen Hauch von Neuerung und Aufregung ausstrahlte. Der billige Abglanz von Rock’n’Roll irgendwo im Niemandsland. Schön dass es vorbei ist...
Aus jenen Träumereien weckten mich schließlich Vampire Weekend mit einem untadeligen Konzert. Lächelnd zogen die Band ihre wundervollen Song-Diamanten aus der Kiste schwangen sie - ganz nach John Lennons Aufforderung* - rhythmisch durch die Luft, bevor jene Klang-Edelsteine pünktlich 60 Minuten später wieder in der Kiste verschwanden. Eine Wiederauflage des Konzerts im Mai. Nicht überraschend und doch schön.

* John Lennon during the Beatles Show at the Royal Albert Hall in 1963 "Will the people in the cheaper seats clap your hands? All the rest of you, if you'll just rattle your jewelry."

2008/11/04

Puppenspiel

Vor lauter Freundesbesuchen und Party-Nächten kommt es mir schon wieder wie eine Ewigkeit her, seitdem ich dieses atemberaubende Konzert und diesen sonnendurchfluteten Herbstnachmittag in Berlin erleben durfte...



Eigentlich sollte man die Finger von solchen „Long-Distance-Reviews“ lassen. Eigentlich kann dabei nichts Gutes raus kommen. Aus der Ferne neigt man viel zu sehr nur noch das Schlechte zu sehen...
Zu groß die Verlockung, sich der großen Enttäuschung hinzugeben, dass das angekündigte Symphonie-Orchester, mit dem die Last Shadow Puppets auf diesem ihrem einzigen Deutschlandkonzert auf der Bühne standen nur aus gerade mal vier Geigen, zwei Bratschen, zwei Celli, zwei Trompeten, zwei Posaunen und einem Paar Pauken bestand – kein Kontrabass, keine Holzbläser... Und was war mit dem dominanten Hornsolo in The Meeting Place – ein Keyboard-Sound?!? Dazu kam dann noch das unsäglich kreischende, Banner hochhaltende, Kuscheltier werfenden, mitklatschende Publikum, das nur schwer davon zu überreden war das bestuhlte Konzert auch im Sitzen zu genießen.
(An dieser Stelle möchte ich auch noch mal der Forderung meine volle Unterstützung zuzusagen, nach der, der Verkauf von Tickets für solche Konzerte mit einem Eignungstest verbunden werden möge, der verhindern soll, dass Menschen mit nur der geringsten Veranlagung zum Mitklaschen kategorial von den Konzerten ausgeschlossen werden...)

Aber nein... eigentlich ist die Verlockung nur noch das Gute zu erinnern viel größer...
Ist es doch so einfach sich in Schwärmereinen über den großartigen, präzisen Sound und die gute Stimmung auf der Bühne zu verlieren. Zu süß, die Erinnerungen an die stilvoll gekleideten Band und das in sanfte Nebel gehülltem Orchester hinter ihnen, die gemeinsam lässig das gesamte Publikum mit großartig arrangierten, catchy Songs wegfegte und dabei noch charmant auf eine Zeitreise in die 60er mitnahmen. Ewig in meinem Gedächtnis bleibt wohl der letzte Song des Abends – Standing Next To You: Alex und Miles in bestgelaunter Zweisamkeit teilen sich ein Mikrophone... Ich frage mich, warum mich dieser Augenblick so berührte. Vielleicht weil sie mich an Pete und Carl erinnerten. Oder an John und Paul...


Fotos: (c) Cat.