Digitalisierung – einer der hoffnungsvoll schillernsten Begriffe unserer Zeit, heiliger Gral der Postmoderne und zu gleich der Austragungsort zahlloser erbitterter Kämpfe und Ziel radikalen kulturkritischem Exorzismus.
Diese Woche hatte ich das Vergnügen der Zeit Wissen Zukunftswerkstatt in Hamburg beizuwohnen, die genau diesem Thema ihre Aufmerksamkeit schenkte. Die Organisatoren – werbewirksam unterstützt von Nintendo – hatten ein paar der führenden Köpfe aus Wissenschaft und Praxis eingeladen, ein Stündchen oder zwei über „Mehrwert oder Zeitverschwendung“ jener viel zitierten Digitalisierung unseres Alltags zu diskutieren. Unter den Podiumsgästen zum Beispiel Prof. Dr. Gundolf S. Freyermuth, Professor für Angewandte Medienwissenschaften an der internationalen Filmschule Köln, Dr. Wolfgang Bergmann, Leiter des Instituts für Kinderpsychologie und Lerntherapie in Hannover und der Head of Marketing von Nintendo Deutschland, Pascal Schmidt.
Schon die Auswahl der Gäste ließ befürchten, dass sich die angekündigte Diskussion „Digitalisierung des Alltags – Mehrwert oder Zeitverschwendung?“ vor allem um die ewige Frage drehen würde, ob die digitalen Medien – Computerspiele vorneweg – unsere Kinder verderben und zu Amok-laufenden Killermaschinen erziehen. Andere Facetten der alltäglichen Digitalisierung unseres Lebens blieben – zum offenkundigen Bedauern vieler Zuhörer – weitgehend unberührt.
Ich muss offen sagen, das Thema berührt mich wie kaum ein zweites. Mein Alltag ist komplett durchdrungen von jenen magischen Einsen und Nullen. Kurz gesagt: Mein Alltag ist digital.
Nun mag ich in einer besonderen Position sein: Als bekennende Bloggerin und aktives Mitglied einiger Internet-Communities. Als im Examen befindliche Studentin mit zwei Recherche- und Büro-Nebenjobs, vier eMail-Adressen und einer chronisch zu hohen Telefonrechnung. Als junge Frau mit national und international verstreuten Freunden und Bekannten. Und nicht zuletzt als digital native – also jener Spezies Mensch, die irgendwie spielerisch in das digitale Zeitalter hineingewachsen ist. Mein Leben wäre ohne die digitale Vernetzung ist undenkbar. Ich mag ein Extremfall sein, doch ist meine Lebenssituation nicht nur die Spitze eines Eisbergs, der unsere gesamte Gesellschaft über Wasser hält?
Wer dieses Thema angeht ist mit unzähligen möglichen Blickwinkeln und Diskursen konfrontiert. Die Podiumsdiskussion der Zeit Wissen Zukunftswerkstatt konnte nur wenige Aspekte schlaglichtartig beleuchten. Gerne und viel ließ man sich über möglichen die Folgen der alltäglichen Digitalisierung für unsere Kinder aus. Von einer generellen Verteufelung von Computerspielen und Internet nahm man zum Glück Abstand. Der Kindertherapeut Dr. Wolfgang Bergmann plauderte aus dem Nähkästchen und appellierte auf sympathische Weise an den gesunden Menschenverstand der Eltern. Gefahren – so Bergmann – würde nicht aus den Medien selbst entstehen sondern vielmehr aus der unzureichenden Vermittlung von Medienkompetenzen an die Kinder. – Hier zeigt sich auch eines der grundlegenden Probleme der gesamten Diskussion: wenige Menschen beschäftigen sich eingängig mit den digitalen Medien. Oft sind Eltern uninteressiert und unmotiviert ihre Kinder in ihrer Reise durch die Medienwelten zu begleiten. Sie bleiben außen vor und verspielen so die Möglichkeit direkten Einflusses. Doch auch die Experten sind vor den Stolperfallen des digitalen Medienkomplexes nicht gefeit. Wenn Bergmann zum Beispiel den negativen Einfluss von webbasierten Parallelwelten wie „World Of Warcraft“ anprangert, der unsere hoch intelligente, sensible Jugend offenbar in hybride, depressive Persönlichkeiten verwandelt, dann verzettelt er sich nicht nur in den feinen Unterschieden zwischen fiktiver und realer Kommunikation – eine Unterscheidung, auf die Prof. Dr. Freyermuth besonders aufmerksam macht – er vergiss ebenfalls, dass solche Tendenzen nicht von der Art des Mediums bedingt werden. Wenn es tatsächlich eine gehäufte Anzahl von Jugendlichen gibt, die die fiktive Welt eines Computerspiels der eigentlichen Realität vorziehen und sich damit in psychische Probleme stützen, so scheint mir das erstens nicht sonderlich neu und zweitens durchaus zeit- und gesellschaftsbedingt. Es ist mehr als zweihundert Jahre her, dass ein kleines Buch ganz ähnliche Symptome bei seinen jungen Lesern hervorrief. In Folge der Veröffentlichung von Goethes „Die Leider des jungen Werther“ 1774 begingen zahllose intelligente, sensible, junge Menschen Selbstmord – als Resultat von übertriebener Identifikation und der Überhöhung fiktiver Ideen- und Gefühlswelten. Ähnliche Diagnosen könnte man wohl auch heutigen Jugendlichen ausstellen.
Andererseits scheint das Schema der Überemotionalisierung und Realitätsflucht in diesen Tagen durchaus gesellschaftliche und mediale Unterstützung zu genießen. Eine ganze Fülle von Jugendbewegungen – angefangen von der Gothik-Bewegung in den 1980er Jahren bis hin zu den Emo-Kids der 2000er – badet förmlich in einer weltfremden, emotionsbetonten Realitätswahrnehmung – als sei die Flucht in die Depression die einzig verbleibende jugendkulturelle Revolution. An anderer Stelle werden psychische Erkrankungen wie das Borderline- oder das Asperger-Syndrom zu trendigen Fashion-Accessoires, die sich jeder Jugendlicher mit Blick auf zahlreiche „Celebrity“-Vorbilder gerne an den Hemdkragen pinnt. Das hier etwas schief geht steht außer Frage. Doch ist der Einfluss der digitalen Medien auf jene Entwicklungen tatsächlich größer als der jedes anderen Mediums? Eher nicht.
Während die Podiumsdiskussion dem Thema Medienumgang und Medieneinfluss bei Kindern und Jugendlichen somit viel Raum gab, blieben viele andere Fragen unbeantwortet. In wieweit vergrößert oder verkleinert sich unsere Welt mit dem digitalen Netzwerk? Ist der Mensch isolierter als je zuvor, weil seine Abende zuhause vor dem Computer verbringt? Oder ist er mehr denn je mit Menschen verbunden, weil eben jener Computer die Welt selbst ins eigene Heim holt? Sind wir froh über die gewonnenen Freiheiten unsere Zeit einzuteilen und effektiv zu nutzen, oder sehen wir uns nur als Ackertier der kapitalistischen Maschinerie? Sorgt die Digitalisierung tatsächlich für die versprochene Vereinfachung und Zeitersparnis? Und wenn dem so ist, warum hat der Bürger am Ende des Tages trotzdem das Gefühl weniger Zeit zu haben?
Beantworten konnte diese Fragen niemand, nach der einundhalb Stunden Podiumsdiskussion der Zeit Wissen Zukunfswerkstatt. Aber digitales Leben testen, das war kein Problem: „Eine kleine Runde Bowling auf der WII?“ – Ohja! Und das ohne Ball oder Bahn. Großartig. Gepriesen sei der Gott der Einsen und Nullen.