Man muss es zugeben, es hatte ein bisschen was von einer königlichen Audienz. In einer geordneten, schier endlosen Schlange warteten die Leute vor den beiden Eingängen der Stadtpark-Bühne. Geduldig und zivilisiert. Schade nur, dass es niemand für nötig befunden hatte eine Stunde vor offiziellem Konzertbeginn jene Tore auch zu öffnen. Man witzelte schon über eine Privatparty in kleinem Kreis als plötzlich fünf junge Männer mit einem Fußball unter dem Arm über das Grün marschiert kamen und zielsicher an der langen Schlange vorbei und auf den unweit gelegenen Hockeyplatz spazierten.„Sach mal, waren das nicht die Kaiser Chiefs...?“
„Japp. Das waren sie.“
Eine weitere halbe Stunde später ließ man schließlich die Tore öffnen und uns hinein. Nicht ganz viertausend waren gekommen die Häuptlinge des fröhlich, mitsing-fordernden Indie-Pop zu feiern. Doch eine weitere unerfreuliche Förmlichkeit war noch zu erdulden: The Crips.
Es war unglaublich. Man hätte sie ausgelacht, hätte man seinen Humor nicht schon draußen in der langen Schlange irgendwo verloren. Eine halbstündige Indie-Farce, die in einer peinlichen möchte-gern Rock’n’Roll Pose und aufgesetzter Feedback Eskapaden gipfelte. Doch man muss dem Hofnarr verzeihen. Er steht in der Gunst des Kaisers.
Als sie endlich auf die Bühne kamen, eingehüllt in Kunstnebelschwaden und von buntem Scheinwerferlicht umspielt, im Rücken den überdimensionalen „Kaiser Chiefs“-Schriftzug, war ich einen Augenblick baff. Ich war mal wieder überrascht davon wie groß mein geliebter Indie doch geworden ist. Es klingt beinahe mütterlich. Es klingt intim. Und genau das ist wohl in solchen Augenblicken das Problem. Indie wohnt für mich in meiner Stereoanlage während ich mit Freunden ein Bier trinke. Er wohnt in meinem ipod während ich im Bus zur Uni fahre. Er wohnt in irgendeinem dunklen, kleinen Club während ich mich auf der Tanzfläche auspowere. Aber auf einer Bühne mit Kunstnebel und Arena-Rock-Lichtshow?
Vielleicht lag es daran, dass dieses Konzert im Stadtpark tatsächlich das erste war bei dem mir die Lichtshow so auffiel, weil es diesmal dunkel würde. Auf jeden Fall ließ mich das Gefühl nicht los, dass die Band, Ricky (den Sänger) ausgenommen, irgendwie in den Nebelschwaden verschwand. Es war ein großartiges Konzert. Gänsehaut-Atmosphäre, wenn viertausend „Oh My God“ singen inklusive. Es ging auch nicht um Show. Ricky schwang sich hier einmal im Tazan-Stil an einer Leiter über die Bühne, kletterte da einmal die Bühnenpfeiler hinauf und besorgte sich schließlich spontan zwischen zwei Songs sein Bier beim nächstgelegenen Getränkestand. Das alles hatte nichts damit zu tun.
Es war nur das Gefühl, dass die Jungs, die nach dem Konzert im strömenden Regen noch einmal eine Runde Fußball gegen ein paar St. Pauli-Spieler kickten und die ein paar Stunden zuvor noch so selbstverständlich an ihren Fanmassen vorbei zum Fußballspielen gegangen waren, irgendwie nicht viel gemein haben mit einer Band, die bei „Deutschland’s Popradio Nummer Eins“ auf Hot Rotation läuft. Ob die Mainstreamisierung dem Indie den Dolchstoß gibt? I don’t know. I hope not...

1 comment:
Oh, da hast Du ja DIE Diskussion schlechthin angerissen! Hatte ich schon einmal sehr ausführlich in meiner Heidelberg-WG geführt. Ergebnis weiß ich nicht mehr.
Ich denke, die Musik muss einem gefallen. Das ist das Wichtigste. Aber es stimmt, es gibt noch andere Faktoren, die das gewisse Etwas ausmachen.
Na ja, vielleicht können wir das mal ausdiskutieren!
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