Man muss sich nicht einmal sonderlich anstrengen sie durch das geschlossene Fenster zu hören. Wir haben sie sogar gehört obwohl Günther Jauch gerade wissen wollte zu welchem Organ das Ovale Fenster gehört. Erst war ich ziemlich verwirrt. Vögel singen bei Sonnenaufgang, nicht mitten in der Nacht. – Außer... außer es ist eine Nachtigall. Eine Nachtigall. Sie wohnt in den hohen, dichten Bäumen direkt vor unserem Balkon. Da soll noch mal jemand behaupten in der Großstadt gäbe es keine Natur. Okay, ich gebe zu – ganz die großstädtische Internetjunkies, mussten wir erst eine Soundfile aus dem Netz laden um das fremde Wesen auf dem Baum als Nachtigall identifizieren zu können – aber hey, ich habe zwanzig Jahre auf dem Land gewohnt und kann mich an keine Nachtigall erinnern. Dafür muss es wohl Hamburg sein. Die Stadt mit dem berüchtigten Nachtleben. Sie muss es sein um dem stolzen Vogel seine süßen Töne zu entlocken – schließlich braucht jeder Künstler Publikum.
Wir ließen die Diva jedoch bald allein. Für fünf Euro versprach eine andere Art von Musik schweißtreibende Glückseligkeit: Motorbooty-Live im Molotow mit Voxtrot. Das enge, verschachtelte Molotow mit seiner niedrigen Kellerdecke und winzigen Bühne. Der Drummer sitzt jedes Mal direkt an der hinteren Wand wo die Decke nicht einmal hoch genug ist zu stehen. Manchmal stelle ich mir so den Cavern vor – nur nicht ganz so bunt, ohne die rot gestrichenen Wände, farbenfrohen Dekoartikel und bequemen Sofas. Das dicht gedrängte, schwitzende Publikum hat auf jeden Fall noch die gleichen Frisuren, trägt die gleichen Hosen und Shirts wie damals. Im Molotow spielen sie den heißen Scheiß. Der klingt auch nicht viel anders wie damals, nur heute setzt man vor alles noch ein wohlklingendes „Indie-“.
Dann also Voxtrot aus Texas. Die fünf Musiker hatten auf der Bühne kaum Platz sich zu bewegen. Die erste Reihe musste immer wieder dem ein oder andren Gitarrenhals ausweichen. Ich musste lachen als ich den Höfner-Bass gesehen habe. Vielleicht ist alles was wir tun nicht mehr als eine billige Kopie dessen was sie vor vierzig Jahren getan haben und die ganze Welt träumt davon noch einen Abend im Cavern zu verbringen...
Ich ließ die anderen um halb drei auf der Reeperbahn allein.
Als ich um neun zur Arbeit ging hörte ich einen Specht. Er wohnt wohl auch seit kurzen vor unserem Balkon und war fleißig bei der Arbeit. Ich fragte mich ob die Nachtigall wohl noch schlief. Ob sie schlafen kann.
Ich übernahm wohl mal wieder eine Doppelschicht. Nachtigall und Specht.
2007/03/05
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