2007/03/05

Hamburg City Nord


Sie haben sie in den siebzigern oder achzigern dort stolz aufgetürmt als ob die Menge an Beton ihn schöner macht. City Nord. Daraus sprach einmal all der Ergeiz, all der Fortschritt und Zukunftsglaube der Stadt. Riesenhafte Gebäudekomplexe, Labyrinthe aus Waschbeton.
Die großen Firmen sind hier schon längst wieder weg gezogen. Der kapitalistische Wanderzirkus zog in die Glas-Käfige in der City Süd – und jetzt noch weiter südlich in die Hafencity. Zurück bleiben die kleineren Firmen, die sich keine goldenen Klingelschilder leisten können.
Viele der Ladenflächen sind leer. Nur vereinzelt einige Läden, ein Schlecker, ein billiger Klamottenladen und fünf oder sechs Cafes und Restaurants. Sie schließen alle pünktlich um halb vier, denn außer den Angestellten in der Mittagspause kommt niemand hierher. Einige Menschen eilen müde an mir vorbei zur U-Bahnstation. Vereinzelt stehen ein paar Angestellte in den Hauseingängen, den einen Arm dicht an den Körper gezogen um sich warm zu halten, ziehen sie ungeduldig an ihren Zigaretten.
Mexikoring 29.
Man hat den Strassen hier die wohlklingenden Namen fremder Länder und Städte gegeben. Singapur liegt direkt neben Sydney und New York. Hamburg, das Tor zur Welt.
Ich brauche eine Weile den richtigen Eingang zu finden. Alle 50m haben sie Lagepläne des Bürogiganten aufgestellt. Ein rotes Quadrat zeigt meinen Standpunkt. Unzählige, aneinander gereihte Rechtecke in verschiedenen Farben stellten die Gebäude dar. Die weiße Spur dazwischen ist mein Weg. Es sieht aus wie eine schlechte Version von Tetris.
Das Schild neben dem Eingang führt den Namen der Firma, zu der ich will, gar nicht auf. Die Liste ist dreispaltig und klein gedruckt. Ich nehme den Fahrstuhl in den zweiten Stock und trete in einen kalten Flur mit schwarz-weiß gesprenkeltem Steinfußboden. Rechts und links jeweils eine milchige Glastür. Auf die eine hat jemand einen Papierbogen mit einem Firmennamen geklebt. Auf der anderen steht „drücken“. Ich trete in einen schmalen Korridor mit grauem Filsfußboden und weißen Wänden. Direkt vor meiner Nase hängt eine große Tafel auf Augenhöhe. Sie führt alle Zimmer der Etage auf. Hinter den Nummern sind bunte Schildchen und Zettel mit zahllosen Namen geklebt. Ich finde schließlich den gesuchten Namen und gehe den Gang hinunter. Verwirrt bleibe ich allerdings vor der gesuchten Tür stehen, denn direkt neben ihr heftet eine Din A 4 Seite mit dem Namen eines Rechtsanwalts. Schließlich entdecke ich das Schild meine Firma an der Tür nebenan.
Das Büro besteht nur aus einem vielleicht zwanzig Quadratmeter großen Raum. In der Mitte steht ein riesiger Tisch mit sechs Stühlen und vier PCs an denen vier Leute arbeiten. Ich denke daran, dass auf jeder Etage dreißig dieser Zimmer sind und dass das Gebäude sechs Etagen hat. Ich denke daran, dass Mexikoring 29 eines von vierzig Adressen in diesem Bürokomplex ist und daran dass der gleiche Betonhaufen auch auf dem Manilaweg oder der Honkongkehre steht.
Ob sie damals wussten, dass von ihrem schillernden Traum von Weltoffenheit und Erfolg nichts weiter als ein Gefängnis übrig bleiben würde? Vierzig Stunden die Woche.
Ich bin froh, dass ich nach einer Stunde wieder an der frischen Luft bin. In der U-Bahn lasse ich Kele für mich singen und schlage den Musikexpress auf. „I am trying to be heroic, in an age of modernity, I am trying to be heroic, because all around me history sings.“

1 comment:

Anonymous said...

wow, wie geil geschrieben!
die szenerie herrlich dargestellt,
worte gewählt, die einfach richtig sind, dort wo sie stehen.
chapeau