2007/04/03

1983

Welche irreparablen Schäden habe ich davon getragen, weil ich in den Achtzigern sozialisiert wurde? Welche Auswirkungen hatte es auf meine Psyche, dass ich mit der Selbstverständlichkeit der Radiorotation von „Wake Me Up Before You Go-Go“ aufgewachsen bin?
Der Musikexpress schrieb letzten Monat in seinem Dossier über David Bowie „Die Achtziger waren für denkende Musiker wie ihn (also Bowie) wahrlich keine dankbare Dekade. Zwar gab es zu Anfang und gegen Ende durchaus Impulse, aber die Jahre 1983 bis 1987 waren allgemein wohl die grausamsten der Popgeschichte. Es war die Zeit der uneingeschränkten Herrschaft des Plastikpop und Arenarock.“
Wurde ich also in ein popkulturelles Vakuum geboren? Kann jemand, der noch heute den Text von Bryan Adams „Heaven“ auswendig kann ein gesundes Verhältnis zu Rockmusik haben? Ja, kann ein Kind der Achtziger überhaupt ein gesundes Verhältnis zu irgendetwas haben?
Vielleicht kommt es mir nur heute so vor. Vielleicht liegt es daran, dass diese Songs in den Soundtracks zu irgendwelchen Filmen auftauchen und plötzlich zur Fahrstuhlmusik auf dem Weg in den Wahnsinn werden (und dabei beziehe ich mich nicht allein auf Donnie Darko). Aber ist es nicht so, dass die Achtziger immer ein Stück zu grell waren? Wie als hätte jemand das Bild von dem hübschen Einfamilienhaus mit zwei Kindern und einem Hund in Photoshop bearbeitet und den Kontrast auf Anschlag gedreht.
Da haben wir Liebeslieder die sich ohne Rücksicht auf Verluste an Wolke sieben krallen („The Power Of Love“, „With Or Without You“) oder dort auch mal gerne eine flotte Sohle aufs Packet legen („I Just Called To Say I Love You“). Wir haben den puren Sex („Relax“, „Sexual Healing“, alles was Prince je geschrieben hat) und dann ist die Liebe plötzlich nichts als Masochismus und ein gefährliches Spiel („Killing Moon“, „Lovecats“, „Devil Inside“). Okay, ich gebe zu, es ist nichts Außergewöhnliches. Genau das nennt man in allgemeinen Pop.
Wenn da nicht das Gefühl wäre das die Achtziger einen tiefen inneren Schmerz in sich begraben haben. Ich sehe sie abends, wenn sie allein in ihrem Zimmer sitzen, leise schluchzen. Dabei sehen sie irgendwie ganz genau wie Robert Smith aus: Zerzaustes Haar, tiefe Augenränder von zu vielen durchzechten Nächten, die umgefallene Rotweinflasche noch neben ihnen liegen.
Genau diese Bild habe ich immer im Kopf wenn ich „Mad World“ oder „Lullaby“ höre. Dann scheint der Kalte Krieg mitsamt der atomaren Bedrohung und dem 10fachen Overkill um die Ecke zu spähen und zu flüstern: „Donnie, the world is coming to an end.“
Und jetzt sag mir – kann man in solch einer Umgebung unbeschadet aufwachsen, in der gleich nach dem neonfarbenen „Karma Chameleon“ der Weltuntergang propagiert wird? Naja, einen Weg muss es wohl geben – ich habe es geschafft und selbst Robert Smith hat (gegen alle Erwartungen) die Achtziger überlebt. Aber richtig loswerden wir sie nicht.
Heute heißt der Krieg ein bisschen anders und von Weltuntergang redet man auf die ein oder andere Weise auch immer noch. Wer das neue Bloc Party Album auflegt hört wie Pop heute auf die Schreckensgespenster reagiert – und er hört irgendwie auch die Achtziger. Kein Wunder – die Jungs von Bloc Party haben dasselbe durch gemacht wie ich.
Ich werde sie auch nicht los. Sie tauchen in meinem unerklärlichen Hang zur Theatralik auf und tragen sicher auch ihren Anteil daran, dass der einzige Humor den ich wirklich verstehe Ironie und Sarkasmus ist. – Ich wurde 1983 geboren.

No comments: