2007/04/04

Jazz Community


Mir war es niemals so klar – bis zu diesem Abend. Von Hamburg kenne ich es. In Hamburg ist Jazz eine große Familie. Wenn Sandra Hempel bei den Jazz Open in Planten un Blomen bei vier von zehn Bands mitspielt merkt man es wohl am Besten: Im Jazz kennt jeder jeden, das gilt für die Leute vor der Bühne wie auch für die darauf. Aber dass es generell so ist hätte ich nicht gedacht.
Doch dort saß ich, nach getaner Arbeit in der Künstlergarderobe des Rolf-Liebermann-Studios, mit einem Weinglas in der Hand und lauschte den Gesprächen um mich herum. Da saß Mark Helias mit seiner Frau, Graham Haynes und Karl Berger und seine Frau Ingrid Sertso und sie redeten von Jazz, von Jazz in Europa und Jazz in den USA, von Gigs in den 70ern und Sessions in den 90ern. Graham erzählte davon, dass er mit dem Sohn von Bud Powell gut befreundet ist und sein Vater jahrelang bei Charlie Parker die Drums spielte. Er wuchs in Brooklyn inmitten dieses unwahrscheinlichen Jazz-Wunders auf und kannte nichts anderes als dass Menschen ihre Nächte in dunklen Clubs verbrachten und wochenlang auf Tourneen verschwanden. Er wusste, so wie jeder in diesem Kreis, dass Thelonious Monk chronisch pleite und von den Drogen völlig erledigt war. Er kannte all die Geschichten, all die Gesichter und Melodien.
Es hat mich in Staunen versetzt. Nicht nur die unmittelbare Erfahrung, die Tatsache, dass da jemand lässig in den Sessel zurück gelehnt saß und beiläufig erzählte wie es wirklich war – denn er war dabei gewesen. Es hat mir auch erstaunt von den Geldsorgen und dem Rassismus zu hören. Es hat die Legenden plötzlich auf den Boden zurück gebracht. Sie waren mit einem Mal auch nur Menschen, genau wie der Kornettspieler im beigen Leinen-Jackett der mir jetzt gegenüber saß. Und Jazz war auch nicht mehr dieses kopflastige Ding, das sowohl mit Akkordeon als auch mit Vibraphon gespielt werden kann und sich gerne mal bei der europäischen Volksmusik und der Neuen Musik bedient. Es war plötzlich wieder schwarz und die meisten Instrumente waren aus Blech und verbeult und alt. Ich neige viel zu oft dazu es zu vergessen: das Jazz in New Orleans wohnt, oder in Brooklyn, oder in Chicago – in der Community eben.

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