2008/10/01

Festival-Geständnisse

Fein, ich gebe es zu. Ich bin ein Snob. Es ist so und ich spüre auch kein Bedürfnis daran etwas zu ändern. Ich mag meinen Lebensstil. Diese seltsame Mischung aus Musikfanatismus, feinhumorigem intellektuellem Gestus und Spaß. Die offen nach außen getragene Hochnäsigkeit des „guten Geschmacks“, die sich in trendy Bars und Clubs, den aktuellen Last.fm-Charts, Blogbeiträgen, den richtigen Büchern und Zeitungen, und Konzert-Locations manifestiert. Ich mag die Tatsache, dass es eine gute (Hamburger Berg) und eine böse (Hans-Albers-Platz) Seite der Reeperbahn gibt. Ich liebe lange, besserwisserische Gespräche über das letzte Album dieser oder jener New-Comer-Band. Ich fühle mich zuhause im morbiden Charme der Couchbar und dem sauerstoffarmen Raum über der Tanzfläche im Grünen Jäger. Es ist meine Welt. Eine Welt, die sich jetzt seit einiger Zeit schon sehr erfolgreich um einen erlesenen Kreis von Freunden und Bekannten dreht. Sie rotiert im Wesentlichen um Musik. Und selten war mir die Exklusivität, die Isolation dieser Welt so bewusst wie beim Reeperbahn-Festival am vergangenen Wochenende.
Es war ein Wochenende pure Musik. Mein Kopf war voll mit Bands, Sounds, Zeiten, Locations, alten und neuen Gesichtern. Gerüchte über Hypes und absolute Nieten, Geheimtipps und Überfüllungswarnungen machen die Runde. Immer und immer wieder formiert und reformiert sich unsere kleine Clique der Musikverrückten vor der Bühne dieser oder jener Band. Es wurden wissende Blicke und besserwisserische Worte ausgetauscht. Alle kannten die Spielregeln, jeder spielte seine Strategie. Es ging nicht um gesellschaftliche Ereignisse oder puren Spaß. Es ging allein um die Musik und deshalb eilten wir auch gerne völlig atemlos von einem Ort zum anderen und standen auch ohne Begleiter in der Menge. Und jede Minute war es wert.
Jeder Tropfen Schweiß, der mir im überfüllten, ausgelassen tanzenden Molotow beim maritim trällernden Sound von Pete and the Pirates den Nacken hinunter lief.
Jedes Lächeln, dass mir Turner Cody und seine Band in der Prinzenbar mit ihrer seltsam, schrulligen Mischung aus altmodischem Country und überraschenden Texten auf die Lippen zauberte.
Jede Mitsing-Melodie von Look See Proof, die das Konzert mit dem leicht affektierten Rock’n’Roll-Abgang in meinem Kopf hinterließ, und jeder Mittanz-Beat von den Foals, die meine Beine auf dem luftleeren Balkon im überfüllten Grünspan dirigierte.
Jedes amüsierte Erstaunen über den außergewöhnlichen Sound und Look des Gesamtkunstwerks Moto Boy und seine schwebenden Melodien.
Jede Klangreise auf die mich The Miserable Rich mit ihren (leider diesmal nur 4) Saiteninstrumenten entführten.
Jede fröhliche Tanzeinladung, die die Jungs von Tahiti 80 in der, sich mit Vorfreude auf TV on the Radio füllenden, Großen Freiheit in ihrem niedlichen französischen Akzent aussprachen.
Jede melancholische Gedankenreise auf die mich die Akustiksessions von Unbunny und Wintersleep im Grünen Jäger mitnahmen.
Jede Geste erfahrener Rock-Coolness hinter den langen Haaren von Evan Dando bei dem lang ersehnten Konzert der Lemonheads in der Großen Freiheit.
Und schließlich jede kindliche Freude in den Gesichtern von Nada Surf als das vollkommen gefüllte Docks für sie klatsche und sang...

Doch irgendwo dort, zwischen Festival-Timetable, Einlasskontrollen, musikalischer Fachsimpelei und dem neusten Tipp für das Album des Jahres muss es wohl passiert sein. Jemand, der nicht Teil unseres bunten Festival-Zirkus war kreuzte irgendwo auf der Reeperbahn hoffnungsvoll meinen Weg und prallte an meinem großstädtischen Musik-Snobismus ab. You’re nice and all... but sorry. Members Only.




1 comment:

Fibrillation said...

Hallo Kleine,

das mit dem Eindringling in deine abgeschottete Welt würde ich wirklich gerne genauer wissen.

Liebste Grüße Deine neugierige Schwester