Ich hatte eigentlich keine Lust zu gehen. Sehnte mich vielmehr nach ein bisschen Ruhe in meinem chaotischen Leben zwischen zwei verschiedenen Bürostühlen, meinem mit Literatur überladenen Schreibtisch zuhause, dem lang vernachlässigten Berg an Wäsche, den unbeantworteten Telefonanrufen und ungeputzen Fenstern. Sehnte mich eigentlich nach einem langen Spaziergang auf dem Deich mit dem kühlen Wind im Gesicht und dem grauen Meer zu meinen Füßen... aber ich ging doch. Weil ich das Ticket schon hatte. Und weil laute Musik in dunklen, stickigen Räumen das beste Mittel gegen Fernweh ist...Jener amüsante Abend an dem ich Someone Still Loves You Boris Yeltsin kennen lernte war präzise 16,5 Monate und ein Album her. Damals war die Entdeckung der Band für mich mehr Zufall, das Nebenprodukt einer Geburtstagsfeier und doch habe ich den Sound dieser Band – mit all seiner, für mich sonst eher abschreckenden, amerikanischen Naivität – sehr zu schätzen gelernt und freue mich jedes Mal wenn die träumerische Stimme von John aus dem kleinen Teich fröhlicher Gitarren und Beats auftaucht.
So suchte ich mir also in der vertrauten Dunkelheit des Molotow eine gemütliche Stelle zwischen DJ-Verschlag und rechtem Bühnenrand und vertrieb mir die Zeit vor dem Konzertbeginn mit einer Flasche Astra und dem Studium des Publikums. Kaum bekannte Gesichter, dafür umso mehr Gesichter, denen man ansehen konnte, dass ein Konzert ein besonderes (gesellschaftliches) Ereignis in ihrem Leben darstellt. Schwerverliebte Mitt-Zwanziger-Pärchen, zahllose fein herausgeputzte Mädchen mit kurzen Kleidchen und hübsch frisierten Haaren, dazwischen eine Clique Studenten die gerade ihre Motor-Roller-Helme an der Garderobe abgegeben hatten und sich nun Scherze zuwarfen.
Ins Auge fiel mir außerdem ein kleiner, bunter Kreis auffallend englisch sprechender junger Menschen, die kurze Zeit später bewaffnet mit zwei Gitarren, Bass, Drum-Sticks, Cello und Trompete auf die Bühne stiegen um das Publikum mit einem gutgelaunten Indie-Sound zwischen Shout Out Louds, The Arcade Fire und Franz Ferdinand wegzufegen und hinzureißen (okay, bei letztgenannter Band mag sich die Ähnlichkeit weniger auf das musikalische als auf das geographische beziehen...). Kurzum: ich war entzückt, und hätte die Band statt ihrer 7“ einen Silberling zum Kauf angeboten, ich hätte ihn nur allzu gern erworben.
Eine kurze Umbaupause später zeigten sich schließlich die wohlbekannten Gesichter der vier netten Jungs aus Springfield, Missouri auf der Bühne. Sie beglückten das wohlwollende Publikum mit einer hübschen Mischung aus neuen Songs und den Gassenhauern des letzten Albums. Professionell und doch sympathisch. Kurzweilige Unterhaltung, die nach zwei Zugaben in einem Gitarren-Skateboard-Experiment ausklang (falls sich der geneigte Leser fragt was unter einem Gitarren-Skateboard-Experiment zu verstehen: Man nehme eine E-Gitarre und eine Reihe bunter Verzerrer, lege das Instrument bauchwärts auf den Boden, steige auf und tue so als würde man ein paar Blocks Skateboard fahren... klanglich vergleichbar mit dem Beginn von Hendrix’ Star Sprangled Banner).
Überrascht, dass Phil von SSLYBY sich noch an mein Gesicht von letztem Jahr erinnerte, ließ ich mich gern dazu überreden den Herren (und Damen) zum Beatles-Platz zu begleiten – ein bisschen Sightseeing muss eben sein... Der amerikanische Teil unserer Gesellschaft verließ uns allerdings bald, da deren Hotel anscheinend etwas weiter weg lag und der Fahrer nicht zu einem Abend auf dem Kiez zu überreden war. So verbrachte ich noch ein, zwei Stunden mit der bunten Runde junger Schotten bevor ich – den Kater, der mich am nächsten Morgen in der Arbeit wohl erwarten würde, vor Augen – den Nachtbus nach hause nahm.
Naja... „beinahe“ wie ein langer einsamer Spaziergang am Meer...

1 comment:
Sehr schöne Story. Wäre gerne dabei gewesen.
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