Mit „Narrow Minded Social Club“ im Ohr verlasse ich die Wohnung, ziehe meine Kapuze über den Kopf und trete in die Kälte hinaus. Ich schliddere den gepflasterten Fußweg durch den kleinen Park entlang und stehe bibbernd im Wind an der Ampel. Wieder zu spät zur Arbeit. Die U-Bahn ist nicht sonderlich voll, der Berufsverkehr ist eigentlich schon seit einer Stunde vorbei. Nur Studenten würden diese Tageszeit noch als Morgen bezeichnen. Eine dunkelhaarige Schönheit schlägt mir gegenüber ihre langen Beine übereinander und spielt in Gedanken versunken mit ihrem linken Ohrring. Ich versuche mich auf den Text zu konzentrieren, den ich eigentlich schon gestern für die Arbeit gelesen haben wollte. Er ergibt keinen Sinn.
Ein älterer Mann mit einer Gitarre und ein jüngerer mit einem Pappbecher steigen in unseren Wagon. Ich erinnere mich an ihre Gesichter, sie sind öfter auf dieser Linie unterwegs. „Einen schönen, guten Morgen und noch ein gutes neues Jahr wünschen wir und bringen wohlklingende Grüße von Elvis Presley!“ Sie singen „Return to Sender“ und klappern mit den Münzen im Pappbecher. Die langbeinige Schönheit fischt ein paar Münzen aus ihrem Portemonnaie. Elvis Presley wäre gestern 74 Jahre alt geworden. Komischer Zufall. David Bowie hat am selben Tag Geburtstag. Aber keine schönen Grüße von ihm. Ich denke darüber nach ob man mit „Life on Mars?“ Spenden bekommt, als ich die U-Bahn verlasse und durch das Stationsgebäude eile. Beinahe stoße ich mit einem Marsianer zusammen. Zwei Kunststudentinnen haben sich hauchdünnen, violetten Seidenstoff über die Gesichter gespannt und posieren in der Eingangshalle. Eine hat eine Blüte aus Alufolie im Haar. Ich stolpere hastig weiter zum Bus. Die langbeinige Schönheit steht auch an der Bushaltestelle. Ich bin tatsächlich zu später zur Arbeit. Als ich den Bus verlasse und an einer weiteren U-Bahnstation vorbei meinem Schreibtischstuhl entgegeneile bleibt mein Blick an einem alten Bettler mit langen wuscheligen Haaren, langem wuscheligen Bart und einer verstimmten Gitarre hängen. Er singt aus Leibeskräften. Ich kann den Song nicht identifizieren. Rhythmisches Schrummeln, melodieloser Gesang. Sein Blick folgt meinem Gang. Ich bin sein einziges Publikum. Er und ich. 20 Meter zwischen uns. Dann bin ich vorbei. Münzenlos vorbei. Und ich höre ihn „Fuck Yourself“ schrummeln und frage mich ob es Teil des Songs war.
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2009/01/09
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