Ich geb es zu. Als Produkt chronischer Überarbeitung und der daraus entstehenden, abendlichen Gehirn-Ermüdung habe ich es tatsächlich in den letzten zwei Wochen gewagt fern zu sehen. Ja, tatsächlich. Und diesmal ist wirklich das allgemeine, ordinäre deutsche Fernsehen gemeint. Keine obskuren, fremdsprachigen Internet-Angebote oder Gesellschafts-untergrabende Online-Piratensender. Kein Byte.FM zum Sehen. Einfaches, werbefinanziertes, Füße-hoch-und-Gehirn-aus Unterhaltungsprogramm. Was mir ein Schulterklopfen meiner Medien- und Kommunikationswissenschaft Professoren einhandeln würde, könnte vielleicht – und durchaus verständlicher Weise – bei dem ein oder anderen meiner Leser aus Unverständnis stoßen. „Was? Du hast ferngesehen?!? Was ist passiert? Alle deine Bücher und CDs in Flammen aufgegangen? Dein DVD-Player kaputt und deine Internetverbindung gestört?!“
Und zu einem gewissen Maß hat der Leser, der diese Fragen stellt natürlich recht. Schließlich könnte man seine Zeit mit so vielen, viel schöneren Dingen verbringen. Aber ich will hier keine Diskussion über die Qualität des deutschen Fernsehens entfachen. Wir alle kennen die Fakten und bilden uns unsere eigene Meinung (An dieser Stelle sei den unregelmäßigen Zeitlesern der vor zwei Wochen erschienene Artikel über die Qualität des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ans Herz gelegt.).
Viel wichtiger ist, was ich sah...
Ich schalte von der „Tagesschau“ zu „Germany’s Next Top Model“, wo Heidi Klum erklärt, sie wolle den Kandidatinnen der Show mit dem Umzug in eine hoffnungslos geschmacklos überladene Luxusvilla in Los Angeles einen Vorgeschmack auf ihre Zukunft als Topmodel geben. Ich muss an den Artikel im Zeit-Magazin denken, den ich vor einem halben Jahr gelesen habe, als das russische Topmodel Ruslana Korshunova aus dem Fenster ihres New Yorker Appartments in den Tod stützte. „Bevor Ruslana dort einzog, hatte sie in einigen Modelapartments gewohnt, die von den Agenturen gegen eine hohe Miete zur Verfügung gestellt werden. Es gibt Etagenbetten, die Mädchen wechseln wöchentlich. Von dort aus schickt die Agentur die Models auf unzählige Castings.“ hieß es in dem Artikel. „Die Agentur legt die Kosten für Setbilder, Reisen, Unterkunft aus. Jedes neue Setbild, jeder Kurierdienst wird dazugerechnet. Das ist Standard in der Branche. Zusätzlich nehmen die Agenturen Kommissionen auf die Verdienste der Models. Agenturen in London und New York behalten 20 Prozent, in Mailand 40, manchmal 50 Prozent, in Paris behalten fast alle 70 Prozent des Honorars,“ hieß es dort auch. Ich frage mich ob die Mädchen in der Sendung das wissen und schalte um. Eine Expertengruppe spricht über das Thema Essstörungen und Magersucht. Hinter der freundlichen Moderatorin wird das Bild einer unwirklich dürren, nackten Frau eingeblendet. Eine ehemalige Magersüchtige spricht davon, dass in unserer Gesellschaft die ‚Grundlage zum Leben’ immer mehr zum Feind wird. Die Nummer einer Seelsorge-Hotline wird eingeblendet. Ich schalte um. In „Teenager außer Kontrolle“ wird ein 15-jähriger Drogendealer in einem coolen Clip der Zuschauerschaft vorgestellt. Er und seine beiden Kumpels laufen wie im Musikvideo einer Rap-Band durchs Bild. Seine Eltern schicken ihn in die Wüste. Ich schalte um. Brennpunkt zum Amoklauf in Winnenden. Jemand redet über Waffengesetze, Schulkontrollen, schnelle Eingreiftruppen, die Verantwortung der Medien, Gewaltspiele und brutale Filme. „Auf dem Computer des Täters wurden Pornos gefunden.“
... Gibt es da Zusammenhänge?
