Seine gepflegten Pianistenhände sind alt geworden, seine Haare spärlich und weiß. Doch aus deinen Augen funkelt genau die gleiche Begeisterung, der gleiche eiserne Wille wie früher.
„Wenn ich will kann ich ein Großmaul sein.“
In diesem Jahr wird Michael Naura, der Jazz-Papst von Hamburg, 73 Jahre alt. – Jazz-Papst? Urgestein des Jazz? Oder doch eher Stein des Anstoßes?
„Das Dritte gefällt mir am Besten!“
Er versteht sich als Revolutionär.
„Kaum hatte Hitler verspielt, schon war ich in der Berlin der verrückte Narr. Und ich hab auch was bewirkt. Einige fast völlig eingeschlafene Rundfunkzausel, die wachten auf!“
Der Jazz war die Botschaft, die er in den Fünfzigern und Sechzigern mit seinem Quintett in ganz Deutschland verbreitete. Schließlich kam er nach Hamburg. Von 1971 bis 1999 war er beim NDR Chefredakteur der Jazzredaktion, die es ohne ihn niemals in dieser Form gegeben hätte.
„Einer der ganz großen Leute, Henri Regnier [...] sagte zu mir: ‚Micky! Kommen Sie zu uns! [...] Machen Sie mir eine Jazzabteilung.’ Und so geschah es! Mit allem Drum und Dran. Mit einem tollen Etat. Mit Reisen nach Japan und überall hin..“
Sicher keine leichte Arbeit. Besonders nicht für jemanden wie ihn. Einen Künstler, Jazzpianisten, Schriftsteller, inmitten der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt. Ein Kampf gegen Windmühlen? Keineswegs!
„Ich habe immer die politische Nummer gespielt. Ich habe gesagt: Ihr wisst was die Nazis mit dem Jazz gemacht haben. Das kommt nicht noch mal in Frage. So hab ich leicht spielerisch gedroht und sie waren schließlich froh dass ich erstmal in Japan war und dann nicht so nervig war.“
Er hat sich jahrzehntelang für den Jazz eingesetzt. Viel geändert hat sich in der deutschen Radiolandschaft in all den Jahren aber nicht. Heute spielt der NDR nur auf einem Sender und nur von 22 bis 23 Uhr Jazz. Aus dem Fernsehen wurde er ganz verbannt.
„Da wird der Jazz zum Juden erklärt. Und das finde ich scheiße! Ich habe ein Ausgeprägtes politischen Bewusstsein. Und [...] gerade bei den Entscheidungsträgern... was sind das denn für Knaben? [...] diese Oberignoranten, die wissen gar nicht, wie komplex und vielfältig Jazz ist. Von Coleman Hawkins bis hin zu Free Jazz Exzessen. Es ist so viel möglich. Ich mute denen ja nicht Exzesse des Free Jazz zu, aber so Ben Webster und Ella Fitzgerald und Billie Holiday... ich bitte Sie, das ist mit das Beste, was die letzte Zeit hervor gebracht hat. Aber, man kann nichts machen. [...] diese Politik-Hornochsen. Die sind sowieso amusisch.“
Er lacht. Aber er meint es so. Politisch war Michael Naura schon immer. Ein gefürchteter Unruhestifter. Das merkt man noch heute. Und an Aufgeben ist nicht zu denken. Schließlich gibt es doch noch Hoffnung am Horizont.
„Jetzt wo junge, begabte Redakteure ans Ruder kommen. Und die alten Knacker in die Särge rumpeln, dann ist es okay.“
Sein sympathisches, versöhnendes Lächeln.
Er sitzt entspannt in einem Korbstuhl im Wohnzimmer seiner Eppendorfer Wohnung. Das Zimmer ist angefüllt mit den unterschiedlichsten Gegenständen. bunte Gemälde, afrikanische Figuren, Vasen, Bücher. Es duftet angenehm, irgendwie exotisch. Er erwähnt seine Reisen nach Afrika.
„Waren sie mal in Afrika? Das würde ich ihnen empfehlen. [...] Als ich noch ein junger Schnösel war, da war es mein bevorzugtes außereuropäisches Urlaubsgebiet.“
Man traut sich kaum die kostbaren Kelche, in denen das Mineralwasser serviert wird, anzufassen. Dabei ist die Wohnung nur sein Zweitwohnsitz. Eigentlich wohnt er auf dem Land.
„Wir haben ja einen Bauernhof in Nordfriesland. Das ist so eine Landschaft wie sie Theodor Storm beschrieben hat. Haargenau. Und die Landschaft dort oben [...] hat mich vom städtischen Quasseln weg gebracht. [...]. ich habe in Nordfriesland sozusagen das Schweigen gelernt. Und zwar so zu schweigen, dass es einem nicht peinlich ist. Also nicht aus Faulheit das Maul nicht aufmacht, sondern aus Überzeugung. Einfach mal schweigen. Halte ich für wichtig.“
Stille spielte auch an anderer Stelle eine wichtige Rolle in Nauras Leben. Sie brachte die Wende von seinem Leben als einer der erfolgreichsten deutschen Jazzmusiker zu seiner Zeit in Hamburg beim NDR.
„Die Zeit als wir täglich, bzw. nächtlich, von zwanzig Uhr bis fünf Uhr morgens spielten, [...] das ging ohne irgendwelche stimulierenden Mittel überhaupt nicht. Wir haben nicht gekokst und schon gar nicht Heroin gespritzt. Wir haben eben getrunken. Aber die Quittung kam.“ Polyserositis.
„Ich war ein Jahr im Krankenhaus. War auch eine interessante Lehre. Nach dem Jazz und diesem ganzen Getöse dann die unwirkliche Stille des Krankenhauses.“
Damals gaben seine Freunde ein Benefiz-Konzert um die Behandlungskosten aufzutreiben.
Die Zeit als Musiker hat ihn natürlich stark geprägt. Schon früh gab es für ihn nichts anderes außer Jazz.
„Ich habe schon als junger Bursche, in Berlin AFN gehört. American Forces Network. Ein Soldatensender. Und der hat mir ja den Virus Jazz überhaupt verpasst. [...] Und als ich sah was sie da alles treiben; und im Hintergrund hämmerte immer Benny Goodman, da sagte ich mir: Das ist es!“
Es war ein radikaler Lebensstil. Die vielen Reisen. Vor und zurück durch die ganze Republik. Eine verrückte Zeit voller irrer Geschichten und er erzählt sie wunderbar. Märchenonkel und Satiriker in einem.
„Wir spielen und spielen. Irgendwann nach zwölf geht die Tür auf und es kommt ein schlanker, relativ junger Mann rein – schlank, ich würde sagen, dürr. Machte einen gehetzten Eindruck. Er geht sofort an die Bar und bestellt dort gleich Sekt und schickt uns einen Drink nach dem anderen. Und wir dachten, „Boah, was ist denn das für ein Typ?!“ Am nächsten Abend war er wieder da. Und dann wieder. Und dann war er plötzlich weg. Dann mussten wir nach Hamburg wechseln, wir spielten, die Tür ging auf und wer kommt rein? Unser spendabler Freund! Und so ging es wieder Nacht für Nacht. Dann aber, blieb er wieder weg. Eines Tages schlage ich die Bild-Zeitung auf. Und was sehe ich? Ein ganz großes Foto von unserem spendablen Freund. Und da steht: ‚Internationaler Hoteldieb gefasst!’ Das war so irre! Ich habe mich überhaupt gar nicht eingekriegt. Daher hatte der Typ so viel Geld! Das war ganz verrückt. Er machte überhaupt keinen kriminellen Eindruck. Er war in erster Linie gehetzt. Wie so ein gehetztes Tier. Ganz eingefallenes Gesicht. Aber teure Anzüge. Auch ein Weiberheld. Alles stimmte bei ihm, nur die Moral vielleicht nicht ganz...“
Er grinst.
Michael Naura ist ein Kämpfer für den Jazz. Er kämpfte jahrzehntelang, an der Klaviatur, später mit Tinte und Papier, Radiobeiträgen und Hörspielen. Doch besonders die Mischung von Jazz und Lyrik hat es ihm angetan.
„Die Literatur mit Jazz koppeln: Das war immer mein Ding!“
So sehr, dass er auf seine alten Tage selbst mit dem Lyrik schreiben begonnen hat.
„Das hat damit zutun, dass Dieter Rühmkopf in mir irgendwie so einen Virus versteckt hat. Den Gedichtvirus.“
Eins ist klar, ein Freidenker, Rebel wie er, geht niemals in Rente.
Bei der Frage wovon er heute träumt muss er das erste Mal länger nachdenken.
„Also, ich träume in erster Linie, dass ich bei Kräften bleibe, und dass mein Geist sich nicht verdunkelt, dass mein Freund Rühmkopf der schwer erkrankt ist, überlebt, und – sagen wir mal so – dass die Sender nicht in die Hände von reaktionären Schwachköpfen fallen!“
Der ewige Stein des Anstoßes eben.
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PS: Ich geb es zu, ich habe den Text natürlich nicht für meinen Blog schrieben. Aber nachdem das Portrait (und vor allem die Transkription des Interviews) so schrecklich viel Arbeit war lasse ich mich an dieser Stelle zu einer Zweitverwertung verführen.
2007/06/08
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1 comment:
Hey Anne!
Respekt für dieses Interview und den daraus entstandenen Text. Ist interessant zu lesen, auch wenn man die Person nicht kennt.
Aber seine Aussagen sind sehr sympathisch.
Und ich hatte wohl recht, dass er deinem Charme nicht widerstehen könne.
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