Ich bin ein Internet-Junkie. Darüber gibt es nicht den geringsten Zweifel. Ich bin die Art von Mensch, der wenn er nach hause kommt zuerst auf den Power-Knopf des Computers drückt bevor er überhaupt die Jacke ausgezogen hat, und der lieber seinen (verhältnismäßig) schweren Laptop quer durch Deutschland schleppt als sich an dem uralten, langsamen Rechner im dunklen, kalten Keller seiner Eltern zu setzten. Ich blogge. Ich habe einen Account bei MySpace, bei Couchsurfing, bei Last.FM, und (seit gestern Abend wieder) bei Facebook. Seit kurzem twittere ich sogar. Wenn ich etwas wissen will frage ich als erstes das Internet – und erstaunlicher Weise hat es auf die meisten Fragen sogar eine Art von Antwort. Ich mag das Gefühl, dass alles nur einen Mausklick entfernt ist. Das man blitzschnell mal die Lyrics von „Everybody’s Free (To Wear Sunscreen)“, den Geburtsort von Karl Marx, die dritte Single von Oasis und den Unterschied zwischen Großem Recht und Kleinem Recht herausfinden kann. Und das auch noch umsonst. Es ist toll. Eigentlich zu schön um wahr zu sein.
Genau das ist dann auch der Knackpunkt. Klar, genieße ich die Freiheit im Netz und will sie geschützt wissen. Aber die ein oder andere Piratenpartei- und Netz-Zensur-Kampanie geht eindeutig zu weit. Jemand hat mal gesagt, Datenschutz sei für unsere Generation das Gleiche wie der Vietnamkrieg für die 68er: Etwas das die Jungen aus der Politikverdrossenheit rüttelt und ihnen ein Ziel gibt, für das es sich zu kämpfen lohnt. Vielleicht stimmt es. Vielleicht ist die Netzfreiheit, der Datenschutz und das Urheberrecht wirklich Teil einer politischen Ideologie des 21. Jahrhunderts... – und was den Datenschutz anbelangt kann ich das nur befürworten. Jeder sollte sich über die Gefahren des „Gläsernen Bürgers“ bewusst sein. Doch das Urheberrecht abschaffen, wie es zum Beispiel die Piratenpartei (der politisch organisierte Arm jeder jungen Online-Politik-Bewegung) fordert? Sind wir uns bewusst darüber was das bedeutet?
Ich kann es offen gestanden nicht verstehen wenn so etwas gefordert wird, und damit mag ich wohl in Opposition zu einigen meiner eigenen Freunde stehen, die solche Ideen befürworten... Mal wieder ist es die Zeit, mit zwei sehr interessanten Artikeln zu dem Thema (siehe zum Beispiel hier), die mich dazu bewegt für einen Blogeintrag mal wieder politisch zu werden...
Aber stimmt es nicht? Wo würden wir enden, wenn es kein Urheberrecht mehr gebe? Wenn das geistige Eigentum nichts mehr wert wäre?
Ich studiere eine Geisteswissenschaft. Das heißt, ich werde mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit mein Geld damit verdienen Texte zu schreiben. Als Journalist, für irgendwelche Einrichtungen in der Öffentlichkeitsarbeit, als Wissenschaftler an der Uni oder (wovon ich nach wie vor träume) als Dichter oder Autor. All das sind Wege wie Menschen für mich. Nur schade, dass mit dem Wort – dank der Abschaffung des Urheberrechts – kein Geld mehr gemacht werden kann. Schreibe ich ein Buch als Wissenschaftler oder Autor wird es keiner kaufen: Im Netz ist es ja frei zugänglich. Träume ich von der Journalistischen Karriere werde ich bald merken, dass der Journalismus weitestgehend tot ist. Zeitungen? Kauf doch keiner mehr! Und online will niemand bezahlen. Die Journalisten sind durch fleißige Blogger ersetzt die das Gleiche für lau machen. Immer aktuell, sensationslüsternd, aber meistens flach (wer hätte auch die Zeit sich vor Ort zu erkundigen, schließlich gibt’s ja keine Kohle).
Was bleibt? Vielleicht ein Kellner-Job? Oder einer im Callcenter?
Und was geschieht mit meiner heiß geliebten Musik? Finanziert mit Nebenjobs, überteuertem Merchandise und Konzertkarten? Kann das auf lange Sicht funktionieren? Nehmen sich Bands noch zwei Jahre Zeit um an einem Album zu feilen oder hängen sie nur noch Tour an Tour damit sie nicht in die roten Zahlen rutschen?
Es ist klar, es muss etwas geändert werden am Urheberrecht. Es muss den neuen Bedingungen angepasst werden. Aber es abschaffen? Das Netz als gesetzloser Raum? Das kann und darf es nicht geben. Besonders nicht in einer Gesellschaft die allein von ihrem geistigen Kapital lebt. Niemand zweifelt daran, dass es bald in diesem Land kaum noch Handarbeit geben wird. Es wird automatisiert oder out-ge-sourced. Was bleibt ist ein Heer von Arbeitslosen deren einzige Stärke ihre Expertise wäre. Aber nein: für geistiges Eigentum bekommt man ja auch nichts mehr...
2009/07/15
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2 comments:
Witzig...ich hatte vor Kurzem auch darüber nachgedacht zu der Sache etwas zu schreiben - auch aufgrund des von Dir verlinkten Artikels.
Schwieriges Thema, bei dem etwas Abkühlung auf beiden Seiten der Diskussion wirklich guttun würde!
Urheberrecht ganz abschaffen? Ich denke, dass dies auch in Zeiten des Internets nicht die Lösung sein kann (und darf), eben aus den von Dir genannten Gründen.
Zum Thema Internetzensur/Kinderpornographie: Da fand ich ein Vergleich mit dem guten alten Buch nicht schlecht: Ein häufiges Argument ist ja, dass die Sperrung von Seiten mit kinderpornographischem Inhalt nicht die Kinderpornographie an sich bekämpfen. Dann könnte man doch eigentlich auch Zeitschriften veröffentlichen lassen...deren Verbot ist ja dann auch "Zensur".
Na ja, es gäbe noch viel darüber zu schreiben. Mich stört eben, dass bei einem schwierigen Thema lieber aufeinander eingedroschen wird, als sich konstruktiv an einen Tisch zu setzen und auszutauschen!
Was mich daran stört ist vor allem, dass die Betroffenen (ergo Musiker, Schriftsteller, Journalisten etc.) in der eigentlichen Debatte nur unzureichend zu Wort (sic!) kommen.
"Zeitungen? Kauf[t] doch keiner mehr!" - An dieser Stelle ein vehementer Widerspruch! Das hat man schon vor zehn Jahren gesagt und man wird es in zehn Jahren immer noch sagen. Auch das Buch wurde schon x-mal vom E-Book abgelöst... Allerdings sind auch die Zeitungen gefordert, sich in ihrer Gestaltung und Darstellung dem Leser gegenüber zu verbessern. Lange wurden die gut laufenden Zeitungen einfach nur verwaltet. Und auch Gratis-Zeitungen funktionieren, wenn sie ein gutes Konzept haben.
Und auch wenn es viele gute Blogger gibt: sie ersetzen eben nicht die Journalisten und machen deren Arbeit "für lau". Das mag in Ausnahmefällen so sein, ist aber sicherlich kein Dauerzustand - auch Blogger müssen überleben, umsonst arbeitet niemand lange...
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