2007/10/04

Von Zipfelmützen, Sofas und neuen, alten Häusern

Eine Reise nach Estland und Lettland.

Ich muss zugeben, als ich klein war, glaubte ich der Weihnachtsmann lebt in Lettland. Meine Vorstellung von diesem Land beschränkte sich somit auf eine schneebedeckte Ebene auf der kleine in Zipfelmützen und Wollschals gehüllte Wesen emsig hin und her eilen um alle Weihnachtsgeschenke für jedes Kind auf der Welt zu machen.
Ein paar Jahre später und weiser (der Weihnachtsmann lebt doch nicht in Lettland, sondern auf dem Nordpol!) begegnete mit jenes Ferne Land in einem anderen Zusammenhang. Der Computerspiel „Patrizier“ ließ mich (leider rein virtuell) auf den Spuren hanseatischer Handelsleute die Weiten der Nord- und Ostsee erkunden. Ins Auge fiel mir dabei das leuchtend rote Wappen der schönen Stadt Riga, die bald mein liebster Heimathafen wurde. Jetzt wusste ich also, dass Lettland an der Ostsee liegt und, dass es dort eine Stadt namens Riga gibt. Mein Bild von jenem Ort blieb jedoch weiterhin relativ eindimensional und beschränkte sich im Großteil darauf, dass man in Riga besonders gut Honig und Bernstein kaufen konnte.
Nachdem mich also schon seit Kindertagen eine tiefe, innige Beziehung mit Lettland verbindet, war es nur eine Frage der Zeit bis mich mein Entdeckerdrang dazu brachte auf die eine, letzte Frage eine Antwort zu suchen:
„Wie ist denn diese Lettland, dieses Riga nun wirklich?“
Gute Frage! Na, dann fahren wir doch mal hin und kucken nach!
Mit Krissi hatte ich schließlich auch eine verrückte, ehemalige „Patrizier“-Spielerin gefunden, die für solche wahnwitzigen Entdeckungsreisen zu haben war.

So ging es also am 26. September los, mit dem Flieger von Hamburg nach Tallinn in Estland. Der Hauptstadt des nördlichsten Staats des Baltikums. Auf dem Programm standen drei Tage Sightseeing. Unterkunft nahmen wir diesmal allerdings nicht auf herkömmliche Weise im Hotel oder Hostel: Wir waren Couchsurfen. Das erste Mal. Das erste Mal bei irgendeinem Fremden in einer fremden Stadt wohnen und auf dessen Sofa pennen. Doch in Tallinn angekommen verkehrten sich alle üblen Befürchtungen ins Gegenteil: Unser Gastgeber nannte eine große, helle Wohnung mit Meerblick sein eigen. Couch mit Blick auf die Ostsee und das umsonst. Wir waren baff.
Es folgten drei wunderschöne Tage in der großartigen Altstadt Tallinns, in denen wir im Ansatz den Unterschied zwischen gothischer, renaissance und baroquer Architektur kennen lernten, immer wieder auf die Spuren der dänischen, schwedischen, deutschen und russischen Besatzer Estlands stießen und estnischen Stickwaren lieben lernten.
Eine nächtliche Busfahrt brachte uns schließlich zu unsere zweiten und letzten Reisestation: Riga in Lettland. Endlich. Da war es, das legendäre Riga. Paris des Ostens. Einzige Großstadt des Baltikums. Hauptstadt des Jugendstils. Auch hier fanden wir eine wunderbare Unterkunft in der Wohnung einer echten Lettin und durchquerten die Stadt drei Tage lang im Bann atemberaubender Architektur. Das hier ein paar der original gothischen oder baroquen Gebäude die Aufschrift „Anno 2001“ oder ähnliches trugen sorgte zwar bei uns für leichte Verwirrung, tat unsere Begeisterung jedoch kaum Abbruch. Warum auch nicht die Altstadt originalgetreu nachbauen?!? Die Touris freut’s! Verrückt sind dann nur Feststellungen wie: „Nee, in dem Führer ist das historische Gebäude nicht drin, der Führer ist zu alt, da gab’s das Haus noch nicht!“ So ist Riga also. Immer für eine Überraschung gut.
Zu sagen bleibt wohl nur, dass es ein wundervoller, aufregender, interessanter, lehrreicher, lustiger Urlaub war. (Auch wenn ich den Weihnachtsmann nicht getroffen habe...)

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